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Manfred Lütz: Kirche nicht generell das Vertrauen entziehen

23. März 2010 in Aktuelles, 4 Lesermeinungen
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Es wird nicht richtig wahrgenommen, dass es sich bei den gemeldeten Missbrauchsfällen zumeist um Altfälle handele. Seit Inkrafttreten der Leitlinien zum Umgang mit Missbrauch in der Kirche im Jahr 2002 habe sich viel getan


Köln (kath.net/KNA) Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz hat davor gewarnt, der Kirche wegen der Missbrauchsfälle generell das Vertrauen zu entziehen. In der öffentlichen Debatte sei manchmal der Eindruck entstanden, man könne «dem Pfarrer vor Ort nicht mehr trauen», sagte er dem Kölner domradio (Dienstag). Dabei werde nicht richtig wahrgenommen, dass es sich bei den gemeldeten Missbrauchsfällen zumeist um Altfälle handele. Seit Inkrafttreten der Leitlinien zum Umgang mit Missbrauch in der Kirche im Jahr 2002 habe sich viel getan.


Laut Lütz gab es «die bei weitem meisten Opferfälle in den 70er und 80er Jahren», danach noch einige in den 90ern, aber so gut wie keine mehr in den vergangenen acht Jahren. «Und ich glaube, das ist auch ein Erfolg der Leitlinien und auch der größeren Transparenz, die wir da jetzt haben.» Auch sei es das Interesse der Bischöfe und der Kirche, dass Priester im Verdachtsfall der Staatsanwaltschaft gemeldet würden. In der Öffentlichkeit sei anfangs der Verdacht aufgekommen, «die Kirche würde am Staat vorbei eigene Verfahren durchführen». Das stimme nicht, betonte Lütz.

Jedwedes Abwiegeln oder Vertuschen sei jedoch grundsätzlich falsch, unterstrich der Psychiater. Es sei besonders schlimm, wenn Priester zu Missbrauch-Tätern würden. «Ein Priester ist in einer Vater-Rolle.» Missbrauch habe da «etwas Inzestuöses». Durch die Tat könne beim Opfer zum einen das Grundvertrauen in Menschen verloren gehen. Zum anderen könne es bedeuten, «dass jemand nie mehr ein vernünftiges Verhältnis zu Gott bekommt, was ja für uns Katholiken etwas ganz besonders Schlimmes ist».

Nach den Worten von Lütz kann es auch für die Opfer schädigend sein, «diese Täter alle zu Monstern zu machen». Opfer hätten häufig ein ambivalentes Gefühl. Einerseits fühlten sie sich hingezogen zu dem Priester oder Lehrer, andererseits von ihm angeekelt. Stilisiere man die Täter zu Monstern, trauten sich die vielen Opfer nicht, sich zu äußern. Denn den Täter hätten sie so nicht wahrgenommen.

(C) 2010 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten.


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