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Wir haben die Wahrheit nie, bestenfalls hat sie uns

11. Dezember 2010 in Spirituelles, 5 Lesermeinungen
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Jeden Samstag im Advent ein kurzer Auszug aus dem Buch Licht der Welt von Papst Benedikt


Freiburg-Rom (kath.net)
Kath.net bringt in Kooperation mit Herder an jedem Adventsamstag bis Weihnachten einen kurzen Auszug aus dem Buch von Papst Benedikt LICHT der WELT:

Es ist offenkundig, dass der Begriff Wahrheit unter Verdacht geraten ist. Natürlich ist richtig, dass er viel missbraucht wurde. Im Namen der Wahrheit kam es zu Intoleranz und Grausamkeit. Insofern fürchtet man sich davor, wenn jemand sagt: Dies ist die Wahrheit, oder gar: Ich habe die Wahrheit. Wir haben sie nie, bestenfalls hat sie uns. Dass man vorsichtig und behutsam damit sein muss, Wahrheit zu beanspruchen, wird niemand bestreiten. Sie aber einfach als unerreichbar abzutun, wirkt regelrecht zerstörerisch.

Ein Großteil der heutigen Philosophien besteht tatsächlich darauf, zu sagen, der Mensch sei nicht wahrheitsfähig. Aber so gesehen wäre er auch nicht zum Ethos befähigt. Dann hätte er keine Maßstäbe. Dann müsste man nur noch beachten, wie man sich einigermaßen arrangiert, und dann würde allenfalls die Meinung der Mehrheit zum einzigen Kriterium, das zählt. Wie zerstörerisch Mehrheiten sein können, hat die Geschichte jedoch genügend gezeigt, etwa in Systemen wie Nazismus und Marxismus, die alle insbesondere auch gegen die Wahrheit standen.


„Es entsteht eine Diktatur des Relativismus“, erklärten Sie in Ihrer Rede zur Eröffnung des Konklaves, „die nichts als endgültig anerkennt und als letzten Maßstab nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten lässt.“

Deshalb müssen wir den Wagemut haben, zu sagen: Ja, der Mensch muss nach Wahrheit ausschauen; er ist wahrheitsfähig. Dass die Wahrheit Kriterien der Verifizierbarkeit und der Falsifizierbarkeit braucht, ist selbstverständlich. Sie muss immer auch mit Toleranz einhergehen. Die Wahrheit zeigt uns dann aber auch jene konstanten Werte auf, die die Menschheit groß gemacht haben. Deshalb muss die Demut, Wahrheit anzuerkennen und maßstäblich werden zu lassen, wieder neu gelernt und eingeübt werden.

Dass die Wahrheit nicht durch Gewalt zur Herrschaft gebracht wird, sondern durch ihre eigene Macht, ist der zentrale Inhalt des Johannes-Evangeliums: Jesus bekennt sich vor Pilatus als Die Wahrheit und als den Zeugen der Wahrheit. Er verteidigt die Wahrheit nicht durch Legionen, sondern macht sie durch seine Passion sichtbar und setzt sie dadurch auch in Kraft.


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Benedikt XVI.
Licht der Welt
Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit.
Ein Gespräch mit Peter Seewald
Verlag Herder
240 Seiten
geb.m.Schutzumschlag
ISBN 978-3-451-32537-3
Preis: 20,50 Euro

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Für Bestellungen aus Österreich und Deutschland: [email protected]

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Foto: (c) L'Osservatore Romano


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