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Das Geheimnis der Weihnacht

24. Dezember 2014 in Chronik, keine Lesermeinung
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Sollten sich Lukas und Matthäus die ganze Kindheitsgeschichte wirklich „aus rein theologischen Gründen“ ausgedacht haben? Von Michael Hesemann


Betlehem (kath.net) „Glaubst Du, die Engel hatten sich geirrt?“ Einen Augenblick lang starrte ich leicht erschrocken in Yuliyas weit geöffnete, braune Augen, dann wusste ich, dass sie mich nur provozieren wollte.

Nach einigem Suchen und Fragen hatten wir es gefunden, das Hirtenfeld von Betlehem, das heute liebevoll von den Franziskanern der Custodia Terrae Santae gehütet wird. Den Ort, an dem der Überlieferung nach in der ersten Weihnacht die Hirten lagerten, als ihnen der „Engel des Herrn“ erschien. Jeder, der einmal christliche Weihnachten gefeiert hat, kennt die entsprechende Stelle im Lukas-Evangelium, die auf unzähligen Gemälden, in Millionen Weihnachtskrippen und Zigtausenden Krippenspielen immer wieder dargestellt wurde:

„In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; es ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes, himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ (Lk 2,8–14)

Seit einer Stunde hatten wir dieses Hirtenfeld inspiziert: zuerst die moderne, kuppelförmige Kapelle besucht, deren Fresken die Szenen aus dem Evangelium so eindrucksvoll-realistisch darstellen, dann die umliegenden Höhlenkapellen, in denen Pilgergruppen aus aller Welt das heilige Messopfer zelebrieren, schließlich die Ruinen von Klöstern und Basiliken aus dem 4. und 5. Jahrhundert, der „Hochzeit“ des spätantiken Pilgerbetriebs im Heiligen Land. Einer Zeit, in der sich die Mütter, Ehefrauen und Witwen der römischen und frühen byzantinischen Kaiser gegenseitig darin übertrafen, die Wirkungsstätten Christi mit noch prachtvolleren Kirchen auszustatten, teils aus Eitelkeit, teils in der echten Hoffnung, damit ein gottgefälliges Werk zu tun.

Dann tat sich vor uns eine breite Schlucht auf, zu der hin die Hügel von Betlehem sanft abfielen – ausgezeichnetes Weideland für grasende Schafe, das war klar, denn wo ein Wadi, ein ausgetrocknetes Flussbett, ist, da gibt es auch Grundwasser und saftiges Gras. Dort, wo es felsiger wurde, tat sich ein breiter, tiefer Schlund auf, der in eine geräumige Höhle führte. Solche Höhlen, das wusste ich, dienten den Juden vor 2000 Jahren wie den Beduinen noch zu Anfang des letzten Jahrhunderts als Ställe für ihre Herden. Einen plausibleren Ort gab es also gar nicht für die Engelerscheinung der Hirten, daran bestand kein Zweifel. Doch trotzdem schien etwas Entscheidendes zu fehlen.

Ich setzte mich auf den Fels, der die Höhle umgab, und versuchte, etwas vom genius loci, vom Geist dieser heiligen Stätte, in mich aufzunehmen, was nicht gerade leicht fiel. Gleich hinter der Höhle erhob sich eine hässliche Betonplattform, auf der sich ganze Haufen verrosteter Eisenträger, Plastikröhren und anderer Bauelemente türmten. Auf der anderen Seite, an den sanften Hängen des Wadis, reihten sich die Betontürme einer Hochhaussiedlung aneinander zu einem fast surreal futuristischen Bild von atemberaubender Hässlichkeit. In der Ferne schlängelte sich eine Betonmauer durch die biblische Landschaft und schien sie zu zerreißen. Auf der anderen Seite der Mauer lag Israel; die Israelis hatten sie nach der zweiten Intifada im Herbst 2000 errichten lassen, um sich und ihr Land vor Selbstmordattentätern aus den palästinensischen Autonomiegebieten – zu denen Betlehem gehört – zu schützen.

So gesehen hatte Yuliya völlig recht: An dem Ort, an dem die Engel der ersten Weihnacht „Friede auf Erden“ verkündeten, herrscht leider alles andere als der ersehnte Frieden. Das Land, das den Völkern den Erlöser schenkte, ist in den Händen verfeindeter Brüder, die es nötig machen, hässliche Betonwände zu errichten. Diese Mauer, gedacht als Schutzwall gegen islamistische Selbstmordattentäter, hält aber vor allem eines ab: Pilgertouristen, die noch vor wenigen Jahren so einfach und schnell von ihren Hotels und Herbergen in Jerusalem einen Abstecher in das nur sechs Kilometer entfernte Betlehem machen konnten.

Das ist heute längst nicht mehr so leicht. Lange Schlangen von Personenwagen und Bussen warten geduldig vor dem einzigen Übergang in die palästinensischen Autonomiegebiete. Nicht selten kommt es vor, dass wegen einer realen oder potenziellen Gefahr die Tore für Stunden geschlossen bleiben. So ist der Abstecher in den Geburtsort Jesu längst zum Abenteuer, auf jeden Fall aber zum zeitaufwändigen Tagestrip geworden. Die Leidtragenden sind die Christen von Betlehem, die noch vor zwölf Jahren ein gutes Auskommen mit dem Verkauf handgeschnitzter Krippen aus Olivenholz und anderer frommer Souvenirs hatten. Ihnen bleiben jetzt schlichtweg die Kunden weg.

Dieser Umstand, aber auch die zunehmende Radikalisierung ihrer islamischen Nachbarn, zwingt nicht wenige, deren Familien seit Generationen und Jahrhunderten hier ansässig sind, zur Auswanderung. Während sich die Zahl der Moscheen in den letzten 50 Jahren verzehnfachte, sank der Anteil der Christen an der Betlehemitischen Bevölkerung von etwa 80 % auf unter 25 % (wobei die Zahlen je nach Quelle beträchtlich schwanken).

„Ich weiß, was Du meinst“, antwortete ich Yuliya, die Geschichte und Kunstgeschichte studiert, ukrainisch-katholische Christin ist und mich auf fast allen meinen Reisen begleitet, auf ihre anfangs gestellte Frage. „Doch du musst zwei Dinge berücksichtigen. Zunächst einmal haben die Engel diesen Frieden den Menschen verheißen, die in Gottes Gnade stehen. Gottes Gnade ist ein Geschenk, ein Angebot, das wir annehmen oder ablehnen können. Ohne sie, ohne den Glauben in unseren Herzen, kann und wird es keinen echten, dauerhaften Frieden geben, weder hier, im Heiligen Land, noch anderswo.“ Durch ihr Nicken signalisierte mir Yuliya, dass sie das genauso sah.

„Vor allem aber“, fuhr ich fort, „beschreibt das Lukas-Evangelium eine Momentaufnahme. Die Engel prophezeien ja nichts, sie verkünden nur die Geburt des Erlösers. Tatsächlich aber wurde Gott zu einem Zeitpunkt Mensch, als auf der ganzen Welt zumindest annähernd Friede herrschte. Nur wenige Jahre vor der Geburt Christi, im Jahr 9 v. Chr., ließ Kaiser Augustus (32 v. Chr. – 14 n. Chr.), den Lukas erwähnt, in Rom nicht nur den Beginn eines neuen Zeitalters des Friedens ausrufen, er setzte ihm auch ein Denkmal: den Ara Pacis Augustae, den ‚Altar des Augusteischen Friedens‘, dessen Überreste man noch heute am Tiberufer besichtigen kann.“

„Ich weiß, ich habe ihn gesehen“, bestätigte Yuliya; wir sind oft genug zusammen in Rom.

„Und das beweist, dass die Menschwerdung Gottes kein Zufallsereignis war, dass alles einem höhen Plan folgte, den man sehr wohl als göttliche Vorsehung bezeichnen kann. Denn der Zeitpunkt war wirklich optimal. Nur drei Jahrzehnte zuvor herrschte im Römischen Reich ein blutiger Bürgerkrieg, davor, also vor der Aneignung durch die Römer, war Judäa ein staubiges Provinzkönigreich quasi am Ende der Welt. Erst Herodes der Große, der biblische Bösewicht, hat es groß gemacht, hat durch kluge Geschäfte mit den Römern dem Land zu Reichtum verholfen, Städte, Burgen und Paläste gebaut und einen Tempel errichtet, der die antike Welt staunen ließ, der selbst bei den Heiden als das prachtvollste Bauwerk seiner Zeit galt. Plötzlich war alles, was aus Judäa kam, gefragt: Pökelfisch vom See Gennesaret wurde auf Roms Märkten als Delikatesse gehandelt, jüdische Gemeinden florierten, selbst eine Kaiserin – Neros Gattin Poppaea – konvertierte zum mosaischen Glauben.

Und ein paar Jahrzehnte später? Mit dem jüdischen Aufstand des Jahres 66 versank der Stern Judäas; vier Jahre später wurde Jerusalem von den Römern zurückerobert und zerstört, der herrliche Tempel ging in Flammen auf, die Juden wurden vertrieben oder als Sklaven in alle Welt verkauft. Da wäre eine Missionstätigkeit wie etwa die des hl. Paulus undenkbar gewesen. Hinzu kam, dass erst Augustus Männern wie Paulus die richtige Infrastruktur zur Verfügung stellte. Erst unter ihm wurde das gewaltige Straßennetz angelegt, das die Apostel nutzten, um in so vielen Städten und Ländern wie möglich das Evangelium zu verkünden.

Das Römische Reich unter Augustus war schließlich die erste globalisierte Zivilisation der Antike: es hatte schnelle, sichere Kommunikations- und Verkehrswege und es war ein riesiges Gebiet, in dem nur eine Sprache gesprochen wurde. Während Latein als Amtssprache galt, war die Umgangssprache Koiné-Griechisch, ein vereinfachtes Griechisch, das im Reich jeder verstand. Das war dann auch die Sprache der christlichen Mission: Die vier Evangelien und die Apostelbriefe wurden sämtlich in Koiné-Griechisch verfasst.“

„Diese Einheitssprache war wirklich ein großer Vorteil“, bestätigte Yuliya, „stell dir vor, einer wie der hl. Paulus hätte erst noch die ganzen Landessprachen lernen müssen.“

„Eben, das meine ich. Paulus wirkte nach der heutigen politischen Geographie in zehn Staaten, in denen acht verschiedene Sprachen gesprochen werden. Selbst seine Reise von Jerusalem nach Damaskus wäre heute unmöglich gewesen, da Israelis, ja sogar Touristen mit einem israelischen Stempel im Pass, in Syrien Einreiseverbot haben. Trotzdem sind wir heute, knapp 2000 Jahre später, zum ersten Mal wieder auf dem Weg, eine globalisierte Gesellschaft aufzubauen, dieses Mal mit dem Internet als Kommunikationsmittel und Englisch als Weltsprache. Zudem gibt es erst seit 1948 wieder einen jüdischen Staat.

In den Jahrtausenden zuvor boten sich diese optimalen Bedingungen zur Verkündigung einer frohen Botschaft, die ihren Ursprung beim Auserwählten Volk des Alten Bundes hatte, nur ein einziges Mal: In dem Zeitraum zwischen der Reichseinigung durch Augustus 31 v. Chr. und dem Jüdischen Aufstand 66 n. Chr. – und genau in die Mitte dieses knappen Jahrhunderts fielen die 34 Jahre des Wirkens Jesu. Das, da bin ich mir sicher, ist kein Zufall, das trägt die Handschrift Gottes, der hier in die Geschichte eingewirkt, ja Mensch und damit Geschichte geworden ist.

Lukas bemüht sich offensichtlich, dieses geschichtliche Moment zum Ausdruck zu bringen, indem er sein Evangelium wie eine Chronik beginnt, mit präzisen Zeit- und Ortsangaben: ‚Zur Zeit des Herodes …‘ (Lk 1,5), „in jenen Tagen ließ Kaiser Augustus …‘ (2,1), ‚damals war Quirinius Statthalter von Syrien‘ (2,2) oder, ein Kapitel später: ‚Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrach von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas‘ (3,1–2), was ja alles auf ein ganz konkretes Jahr hindeutet, nämlich 27 n. Chr. Wenn Jesus damals ‚etwa dreißig Jahre‘ alt war, wie Lukas (3,23) schreibt, dann muss er tatsächlich in den Jahren vor ‚Christi Geburt‘ und, wie Matthäus und Lukas betonen, noch zur Amtszeit des Herodes (37–4 v. Chr.), geboren worden sein. Insofern sind die Evangelien in ihrer Chronologie also schlüssig.“

„Trotzdem wurde uns im Studium wie im Religionsunterricht eingeimpft, sie bloß nicht als Geschichtsbücher zu lesen. Sie seien reine Glaubenszeugnisse mit nur geringem historischem Anspruch“, stellte Yuliya fest.

„Nun, diese Lesart hat sich erst in den letzten Jahrzehnten auch in der katholischen Theologie durchgesetzt“, erwiderte ich, „obwohl sie auf zwei Protestanten zurückgeht, David-Friedrich Strauß und Rudolf Bultmann. Für Strauß und Bultmann waren die Evangelien Mythen, da sie Dinge beschrieben, die mit dem rationalistisch-naturwissenschaftlichen Weltbild der Aufklärung nicht vereinbar sind: Wunder! Berichte, in denen von Engelerscheinungen, der Jungfrauengeburt, Wunderheilungen, Dämonenaustreibungen, Prophezeiungen und der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu die Rede ist, konnten nicht wahr sein, weil sie es nicht sein durften. Die frühen Christen, so hieß es plötzlich, hätten diese Wunderdinge Jesus angedichtet, um ihn künstlich aufzuwerten. Tatsächlich aber sei er ein charismatischer jüdischer Wanderprediger gewesen, der allenfalls eine tiefe Gotterkenntnis gehabt habe.“

„Und der am Kreuz gestorben, begraben und nie auferstanden ist“, brachte Yuliya es auf den Punkt.

„… und dessen Leichnam in einem römischen Massengrab verrottete. In der Verzweiflung hätten seine Jünger ihm dann die Auferstehung angedichtet, um damit auszudrücken, dass seine Lehre ewig lebt.“

„Was ist daran christlich?“

„Nun, wenn man den christlichen Glauben mit den Worten des hl. Paulus definiert, gar nichts mehr. Der nämlich sagte in aller Deutlichkeit: ‚Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos. Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt …‘ (1 Kor 15,14–15). So folgte auf die Krise der Theologie eine Krise des Glaubens mit leeren Kirchen.“

„Wenn das aber sogar an Universitäten gelehrt wird, was macht dich sicher, dass Strauß, Bultmann und ihre Schüler irrten?“

„Dass sie von falschen Voraussetzungen ausgingen! Als Bultmann lehrte, das war zur Nazi-Zeit, gab es noch keinen Staat Israel, gab es noch keine systematischen archäologischen Ausgrabungen im Heiligen Land. Heute wissen wir, Dank der Archäologie, wie präzise die Evangelien das Leben in Judäa und Galiläa zur Zeit Jesu schildern. Ortsnamen, sogar Personennamen wurden bestätigt. So erwähnt das Markus-Evangelium einen Simon von Cyrene, der von den Römern gezwungen wurde, das Kreuz Jesu zu tragen. Zwei Söhne soll er gehabt haben, Rufus und Alexander (Mk 15,21).

Mit diesem Hinweis konnte lange niemand etwas anfangen, bis Archäologen 1941 im Kidrontal östlich der Altstadt von Jerusalem ein jüdisches Grab aus dem 1. Jahrhundert öffneten, in dem mehrere Ossuarien, also jüdische Gebeinurnen, gelagert waren. Eine davon trug die Inschrift ‚Alexander von Cyrene, Sohn des Simon‘. Es hat also diesen Simon von Cyrene und zumindest seinen Sohn Alexander tatsächlich gegeben. Obwohl sie aus Nordafrika stammten und eigentlich nur als Pilger zum Paschafest nach Jerusalem gekommen waren, muss damals etwas geschehen sein, das sie veranlasste, für den Rest ihres Lebens in Jerusalem zu bleiben. Ich denke, sie sind damals Christen geworden und haben sich der Urgemeinde angeschlossen. Da sich die Urgemeinde im Haus der Mutter des Evangelisten Markus traf, kannte er natürlich ihre Namen. Daraus folgt aber, dass das Markus-Evangelium zur Zeit der Augenzeugen entstand, und nicht Jahrzehnte später irgendwo in weiter Ferne.

Genau diese Annahme bestätigte sich, als man 1952 in einer der Höhlen am Toten Meer Papyrusfragmente mit griechischer Beschriftung fand. Eines davon, so sind Experten überzeugt, stammte von einer frühen Abschrift des Markus-Evangeliums. Sie muss noch vor dem Jahr 50 entstanden sein, nur 20 Jahre nach dem Tod, nein, nach der Auferstehung Jesu!“

„Doch im Markus-Evangelium wird die Geburt Jesu nicht erwähnt, nur bei Matthäus und Lukas. Und du musst zugeben, sie wirkt schon ziemlich legendenhaft. Da sollen Engel den Hirten erschienen sein, zog ein Stern vor den Weisen daher. Das klingt doch sehr nach einem frommen Märchen.“

„Auf den ersten Blick gewiss. So behaupten die bibelkritischen Exegeten auch, die Volkszählung des Augustus habe Lukas nur erfunden oder vordatiert, um Jesus unbedingt in Betlehem auf die Welt kommen zu lassen, weil die Juden nun mal glaubten, dass dort der Messias geboren werden würde. Erst bei näherer Betrachtung klingt dann doch alles plausibel.“

„Nicht ganz, Michael. Quirinius, der von Lukas in Zusammenhang mit der Volkszählung genannt wird, war nun nachweisbar erst um 6 n. Chr. Statthalter von Syrien, als Judäa gerade römische Provinz unter dem Befehl eines Präfekten wurde. Damals fand die sogenannte Provinzschätzung statt, um die zukünftigen Steuereinnahmen zu bestimmen, was zu ziemlichen Unruhen bei den Juden führte.“

„Alles richtig, Yuliya. Allerdings steht nur in der deutschen Übersetzung, Quirinius sei ‚Statthalter‘ gewesen. Tatsächlich heißt es im griechischen Originaltext des Lukas-Evangelium aber, er habe die hêgemoneuontos tês Surias, also die ‚Oberherrschaft über Syrien‘ inne gehabt, was ein ziemlich dehnbarer Begriff ist, der in antiken Quellen auch für kaiserliche Legaten und Finanzprokuratoren verwendet wurde. Das passt also auch zu einer Funktion, die Quirinius zwischen 15 und 5/4 v. Chr. ausübte, als er kaiserlicher Legat und Oberkommandant der drei in Syrien stationierten Legionen war. Damals fand nachweisbar eine Reihe von Steuerschätzungen in den östlichen Vasallenkönigreichen des Augustus statt, etwa 8/7 v. Chr. im Stadtstaat Apamea im heutigen Syrien oder gegen 6 v. Chr. im Nabatäerreich, dem heutigen Jordanien, das denselben Status hatte wie das Reich des Herodes. Dass Augustus nach dem Tod des Herodes 4 v. Chr. den Samaritanern Steuergeschenke machte, beweist jedenfalls, dass es vorher schon eine solche Schätzung gegeben haben muss.“

„Und warum mussten dann Maria und Josef von Nazareth nach Betlehem?“

„Weil die Römer zwei Steuern kannten, eine Kopf- und eine Bodensteuer, und beide mussten dort entrichtet werden, wo jemand Landbesitz hatte. Das ist bezeugt, ein paar antike Steuererklärungen sind in den trockenen Wüsten Israels und Ägyptens noch erhalten geblieben. Nun gibt es eine alte Schrift, das sogenannte Protevangelium des Jakobus. Es entstand irgendwann zu Anfang des 2. Jahrhunderts im Umfeld der Herrenverwandten – der Cousins Jesu, die zu den ersten Bischöfen von Jerusalem gewählt wurden. Darin heißt es, Maria sei die einzige Tochter eines wohlhabenden Viehzüchters aus dem Hause Davids gewesen, der aus Betlehem stammte. Das ist nicht unwahrscheinlich, denn schon Paulus betonte, dass Jesus ‚dem Fleische nach‘ ein Nachkomme des biblischen König David sei, also nicht nur, weil Josef ihn adoptiert hatte.

Nach jüdischem Recht musste Landbesitz in der Sippe bleiben, die einzige Tochter also einen entfernten Verwandten heiraten, den der Vater pro forma adoptierte. Das erklärt, weshalb wir im Matthäus-Evangelium einen anderen Stammbaum Josefs finden als im Lukas-Evangelium; der eine, bei Matthäus, ist sein biologischer Stammbaum, der andere, bei Lukas, sein juristischer, denn da wird plötzlich ein Eli zu seinem Vater. Eli ist die Kurzform von Eliachim, woraus im Griechischen Joachim wurde, und so hieß der Vater Mariens.

Deshalb mussten Maria und Josef nicht in Nazareth, wo Josef als Zimmermann oder Bauhandwerker tätig war, sondern in Betlehem, wo Marias ererbtes Stück Land lag, ‚geschätzt‘ werden. Vielleicht lag die Stallhöhle, in der Jesus geboren wurde, sogar auf diesem Land und bot sich als Unterkunft an.“

Bevor wir zum Hirtenfeld fuhren, hatten wir die Geburtskirche im Zentrum des heutigen Bethlehem aufgesucht. Ihr mächtiges, 1500-jähriges Gemäuer umschließt eine Höhle, nicht unähnlich jener auf dem Hirtenfeld. Über ihr wurde der Hauptaltar errichtet, während Pilger nach wie vor in ihr Innerstes hinabsteigen können, um jenen Ort zu verehren, an dem „Jesus Christus aus der Jungfrau Maria geboren wurde“. So jedenfalls heißt es, wörtlich, auf einem Stern, der die Stätte der Menschwerdung Gottes schmückt. Schräg gegenüber, in einer Seitenkammer der Höhle, befinden sich zwei in den weichen Kalkstein geschlagene Futtertröge für die Tiere. In eine dieser Krippen soll Maria das neugeborene Kind gelegt haben.

Das Lukas-Evangelium sagt nichts von einer Höhle, es erwähnt nur einen „Stall“, aber für jeden, der das Heilige Land kennt, war damals wie heute klar, was damit gemeint ist. Holzställe gab und gibt es in waldreichen Ländern, im kargen Judäa aber, wo das Holz knapp war, nutzte man die natürlichen Höhlen der verkarsteten Landschaft oder schlug künstliche in den weichen Fels. Selbst Häuser setzte man vor oder über diese natürlichen Klimakammern: warm und trocken im feuchtkalten Winter, kühlend in den heißen Sommermonaten.

Doch die Lokaltradition wusste viel mehr, als im Evangelium steht. Schon im frühen 2. Jahrhundert erwähnt Justin der Märtyrer, der aus Sichem in Samaria stammte, in einem Kommentar die Stallhöhle bei Betlehem; tatsächlich lag das antike Dorf ein ganzes Stück östlich vom heutigen, durch die Geburtskirche bestimmten Stadtzentrum.

Als der römische Kaiser Hadrian um 134 n. Chr. alle jüdischen und christlichen Heiligtümer durch heidnische Tempel ersetzen ließ, wurde sie zur Kulthöhle des Attis umfunktioniert. Doch noch um 200 n. Chr. schrieb Origines, einer der großen Theologen des ägyptischen Alexandria: „Was da gezeigt wird, ist in der Gegend jedermann bekannt. Selbst die Heiden sagen es jedem, der es hören will, dass in der besagten Höhle ein gewisser Jesus geboren wurde.“

Erst die heilige Helena, die Mutter des ersten christlichen Kaisers, Konstantins des Großen, machte im Jahre 325 dem heidnischen Spuk ein Ende und ließ über eben dieser Höhle die Geburtskirche errichten.

„Und weißt du, was mich überzeugt, dass sowohl dieses Hirtenfeld wie die Geburtshöhle authentisch sind?“, fragte ich Yuliya, um ihr gleich die Antwort zu liefern: „Schau diese Schlucht, dieses Wadi entlang. Wenn du von hier aus in Richtung Bethlehem weiterläufst, immer dem Hang folgend, dann kommst du automatisch zu der Geburtsgrotte. Es kann sich also genau so zugetragen haben, wie es im Lukas-Evangelium heißt, einmal vorausgesetzt, dass die Hirten wirklich eine Engelserscheinung hatten:

„Als die Engel sie verlassen hatten und in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Kommt, wir gehen nach Betlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ. So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag.“ (Lk 2,15–16)

„Warum aber gibt es zwei Geburtsgeschichten, warum verschweigt uns Lukas den Besuch der Sterndeuter, die Flucht nach Ägypten?“, fragte Yuliya weiter.

„Ich weiß es nicht. Sicher ist, dass die beiden Evangelisten völlig unterschiedliche Quellen benutzten. Lukas beschreibt alles aus der Perspektive Mariens, und tatsächlich behauptet die christliche Tradition, er sei der Gottesmutter noch persönlich begegnet. Matthäus dagegen scheint sich auf eine Tradition zu berufen, in der Josef im Vordergrund stand. Ich halte beide Berichte, die sich so wunderbar ergänzen, für gleich wertvoll. Denn immerhin erwähnt Matthäus den Stern von Betlehem, und der ist eine astronomische Tatsache.“

„Du meinst die dreifache Konjunktion der Planeten Jupiter und Saturn im Jahre 7 v. Chr.?“

„Nein, die hielt man früher mal für den Stern von Betlehem. Das ist aber nicht gerade überzeugend, zumal im Protevangelium die Weisen mit den Worten zitiert werden: ‚Wir sahen einen gewaltigen Stern, der leuchtete unter den anderen Gestirnen auf und ließ ihr Licht erblassen.‘ Solch ein astronomisches Phänomen, das Aufleuchten eines scheinbar neuen Sternes, gibt es tatsächlich: es nennt sich Supernova, eigentlich ist es eine Sternexplosion. Eine solche Supernova gab es tatsächlich im fraglichen Zeitraum, wie der bekannte britische Astronom Mark Kidger 1999 nach der Auswertung alter astronomischer Aufzeichnungen aus China und Korea feststellte. Sie erschien im März 5 v. Chr. im Sternbild Adler und war bis Ende Mai 5 v. Chr. sichtbar. Das war ziemlich exakt ein Jahr vor dem Tod des Herodes!“

Einen Augenblick lang rechnete Yuliya nach, dann nickte sie: „Also hatte Lukas recht, als er schrieb, dass Jesus im ‚fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius‘, also 27 n. Chr., ‚etwa 30 Jahre alt‘ gewesen sei; exakt war er 31, weil es das Jahr ‚0‘ ja nicht gibt. Auf 1 v. Chr. folgt bekanntlich 1 n. Chr. Aber wenn der Stern im März erschien, müssten wir dann nicht Weihnachten praktisch zu Ostern feiern?“

„Du wirst lachen“, bestätigte ich ihr, „aber genau das hat man einst gemacht!“

Eigentlich kannten die ersten Christen noch gar kein Weihnachtsfest. Geburtstage zu feiern galt als heidnischer Brauch. Trotzdem machten sie sich natürlich Gedanken über den Zeitpunkt der Geburt Jesu, wie einer der großen ägyptischen Kirchenväter, Clemens von Alexandria (150–215), berichtete:

„Es gibt jene, die nicht nur das Jahr der Geburt unseres Herrn, sondern auch den Tag bestimmt haben; und sie sagen, sie fand statt im 28. Jahr des Augustus und am 25. Pachon (…) andere sagen, er sei am 24. oder 25. Parmuthi geboren worden.“

Die Alleinherrschaft des Kaisers Oktavian begann mit seiner Ausrufung zum dux Italiae, als der ganze Westen den Treueeid auf ihn leistete, im Jahre 32 v. Chr. Clemens meint also das Jahr 5 v. Chr., auch wenn der ukrainische Mönch Dionysius Exiguus, der um 500 im Auftrag des Papstes unsere Zeitrechnung begründete, die Jahre seit der Verleihung des Ehrentitels Augustus an Oktavian rechnete und dadurch auf das Jahr 1 kam. Der altägyptische Monat Pachon war damals der erste Monat des altägyptischen Jahres und entsprach in etwa unserem März, der Parmuthi (heute: Paremoude) dem April. Hippolyt von Rom (170–235) glaubte sogar, dass Jesus am gleichen Kalendertag geboren wurde, an dem er den Kreuzestod erlitt, also am 14. Nisan nach dem jüdischen Kalender. Das war im Jahr der Kreuzigung, 30 n. Chr., der 7. April. Aber einige Christen, darunter der Römer Tertullian, setzten den Tod und die Auferstehung Christi ein Jahr früher an, auf 29 n. Chr., als der 14. Nisan ein 25. März war.

„Bei den Römern gab es allerdings den Glauben, dass der wahre Geburtstag eines Menschen sein Zeugungstag sei. So ließ Augustus, der im September geboren wurde, den Steinbock als sein Sternbild auf Münzen prägen, denn im Dezember wurde er gezeugt. Das setzte sich bald auch bei den Christen durch. So wird noch heute der 25. März als Mariä Verkündigung gefeiert, während man die Geburt Christi im Westen neun Monate später ansetzte“, fuhr ich fort, „andere Kirchen, etwa die Armenische, hatten den historischen Kreuzigungstermin bewahrt und datierten jetzt Weihnachten auf den 7. Januar. Die gregorianische Kalenderreform führte schließlich dazu, dass heute an drei Tagen die Geburt Christi gefeiert wird – am 25. Dezember (im Westen), am 7. Januar (bei allen orthodoxen Kirchen, die den julianischen Kalender bewahrten) und am 20. Januar (bei den Armeniern, die zusätzlich nach dem julianischen Kalender rechnen).“

„Der Weihnachtstermin hat also nichts mit dem heidnischen Fest des Unbesiegten Sonnengottes zu tun, wie immer behauptet wird?“

„Nein, obwohl man bald erkannte, dass es ein symbolträchtiges Datum war, schließlich galt Christus als das Licht, das in der Finsternis erschien. Dass die Heiden am gleichen Tag den Sonnengott Sol Invictus feierten, wurde dann eher als Zeichen der Vorsehung interpretiert. Dabei ist völlig ausgeschlossen, dass Jesus im Winter geboren wurde, wenn wir dem Bericht des Lukas Glauben schenken, der die ‚Hirten auf freiem Feld‘ als Zeugen seiner Menschwerdung nennt. Denn der jüdische Talmud schrieb vor: ‚Die Herden werden im Nisan (März) auf die Weiden gebracht und im Marcheschwan (November) zurück in ihre Ställe geführt‘. Das macht den März zu einem sehr viel realistischeren Termin, nicht nur wegen der Supernova, die 5 v.Chr. erschien.“

„Den Stern von Betlehem hat es also wirklich gegeben: ein astronomisches Ereignis, das zeitlich mit der Geburt Jesu zusammenfiel. Stimmt dann auch die Geschichte von den Heiligen Drei Königen?“, fragte Yuliya. Sie war nachdenklich geworden.

„Davon bin ich überzeugt, nur dass es keine Könige waren. Dazu hat sie der Volksglaube gemacht und der Kirchenvater Tertullian, der in ihrem Auftreten unbedingt den 72. Psalm erfüllt sehen wollte. Bei Matthäus heißen sie auch nicht ‚Sterndeuter‘ oder ‚Weise‘, wie in unseren Bibelübersetzungen, sondern Magoi.

Und Magoi, das wusste jeder Gebildete in der Antike seit den Büchern des griechischen Geschichtsschreibers Herodot, waren die Priesterkaste der Meder, eines persischen Volkes. Die galten tatsächlich in der gesamten antiken Welt als Sterndeuter, doch sie waren viel mehr. Ihre Religion hatte den entscheidenden Impuls bekommen, als bei ihnen im 6. Jahrhundert vor Christus der Prophet Zarathustra auftauchte. Zarathustra lehrte, dass es nur einen höchsten Gott gibt, Ahura Mazda, und seinen Widersacher Ahriman. Ständig würden die Kräfte des Guten gegen die Mächte Ahrimans, des Bösen, kämpfen. Eines Tages aber, so prophezeite er, würde der Menschheit ein Retter gesandt werden, den er Saoshyant – wörtlich: Heilbringer – nannte. Er würde von einer Jungfrau geboren, das Böse besiegen, Tote zum Leben erwecken und ein neues Zeitalter einleiten. Seine Geburt würde angezeigt, wenn ein neuer Stern am Himmel erscheint. Nach dem, so trug er ihnen auf, sollten seine Anhänger, die Magoi, Ausschau halten. Was meinst Du, wie sie darauf reagierten, als die Supernova am Himmel erschien, ausgerechnet im Sternbild des Adlers, dem Symbol Ahura Mazdas, ihres Gottes?“

„Aber warum suchten sie ausgerechnet in Judäa und nicht in Persien nach diesem Retter?“

„Zarathustra war ein Zeitgenosse des Propheten Daniel, beide wirkten zur gleichen Zeit am medisch-persischen Königshof in Ekbatana, dem heutigen Hamadan. Zarathustra wusste also von den Messias-Prophezeiungen der Juden, war vielleicht sogar von ihnen inspiriert worden. Die Perser haben die Juden sehr geschätzt. So hat der persische König Kyros II., der ein Anhänger der Zarathustra-Religion war, sie nicht nur aus der babylonischen Gefangenschaft entlassen, sondern ihnen auch noch den Wiederaufbau ihres Tempels finanziert.

Es gab sogar eine persische Königin, die Jüdin war, Esther, die eine jüdische Kolonie in Ekbatana gründete, in der Stadt also, in der auch die Magoi ihr Kultzentrum hatten. Die wussten also ganz genau, wo sie zu suchen hatten: Zunächst in Jerusalem, der Stadt des Tempels. Erst dort erfuhren sie dann weitere Details. Etwa die jüdische Prophezeiung, der Messias würde in Betlehem geboren werden.“

„Und der Stern war bei ihrer Ankunft immer noch sichtbar?“

„Ja, nach den alten chinesischen und koreanischen Aufzeichnungen bis Ende Mai. Mittlerweile war das Sternbild Adler aber Dank der Himmelsmechanik nach Süden gewandert. Das heißt: Wenn die Mager bei Morgendämmerung in Jerusalem aufbrachen und nach Betlehem zogen, das genau im Süden liegt, müssen sie den Eindruck gehabt haben, dass der Stern ihnen vorausging. Und was schreibt Matthäus:

„Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.“ (Mt 2,9)

Das war natürlich ein subjektiver Eindruck, ebenso wie es ein subjektiver Eindruck ist, dass die Sonne im Osten ‚aufgeht‘, aber genau so muss ihnen das vorgekommen sein. Jedenfalls ist das alles viel zu präzise geschildert, als dass Matthäus es sich hätte ausdenken können.“

„Gibt es denn keine anderen Quellen, die den Stern beschreiben, zu denen Matthäus Zugang gehabt haben könnte?“

„Eben nicht! Zwar berichtet der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus von einem Aufstand der Pharisäer, die 5 v. Chr. fest damit rechneten, dass Gott ihnen einen neuen König senden würde, aber er erwähnt nicht, was ihnen den Anlass dazu gab. Außerdem waren die Prophezeiungen und Lehren Zarathustras im griechisch-römischen Kulturraum eher unbekannt. Woher hätte Matthäus also von der Prophezeiung vom Stern des Saoshyant wissen können? Hinzu kommt noch ein Detail: Weil er um seinen Thron fürchtete, gab König Herodes gleich nach dem Besuch der Magoi Befehl, alle Knaben in Betlehem ‚bis zum Alter von zwei Jahren‘ (Mt 2,16) zu töten.

Warum zwei Jahre? Nun, als die Magoi bei Herodes waren, hatten sie Jesus ja noch nicht gefunden, wussten also nicht, wie alt er war. Sie konnten nur erzählen, was sie am Himmel beobachtet hatten. Und da sie gute Astrologen waren, werden sie auch die dreifache Jupiter-Saturn-Konjunktion seit Mai 7 v. Chr. erwähnt haben. Immerhin war Jupiter für antike Astrologen der Stern der Könige, Saturn stand für die Juden; weil der Samstag, der Saturn-Tag, ihr heiliger Tag ist, glaubte man, sie beteten den Saturn an. Diese Konstellation war den Magoi gewiss aufgefallen, obwohl erst die Supernova ihnen offenbarte, dass dieser König der Juden der verheißene Retter sein musste.

Nun liegen zwischen ihrer heiligen Stadt Ekbatana und Jerusalem, wenn man die alten Karawanenwege nimmt, exakt 1518 Kilometer. Bei einer Tagesleistung von 35 Kilometern, die damals als Durchschnitt galt, müssen sie nach 44 Tagen ihr Ziel erreicht haben. Rechnen wir noch ein paar Tage Reisevorbereitungen hinzu, so kommen wir auf gut zwei Monate. Sie trafen also Mitte Mai 5 v. Chr. in Jerusalem ein. Und weißt du, wann man noch im 4. Jahrhundert, wie uns eine antike Pilgerin namens Egeria berichtet, in Jerusalem das Fest der unschuldigen Kinder von Betlehem feierte? Am 18. Mai! So steht es auch in den alten armenischen Festtagskalendern. Das passt also alles so wunderbar zusammen, dass wir Matthäus einfach glauben müssen.“

„Hat es den Kindermord von Betlehem denn wirklich gegeben?“

„Nun, es gibt keine direkte Bestätigung, doch er würde ins Bild passen, das wir von Herodes haben. Flavius Josephus etwa bestätigt, dass der König sich in seinen letzten Jahren in einen paranoiden Tyrannen verwandelte. Ständig sah er sich von Verschwörungen umgeben, die er auf brutalste Weise niederschlug. Sogar drei seiner Söhne ließ er neben 300 seiner Offiziere hinrichten, weil er glaubte, sie wollten ihm den Thron streitig machen. 6000 Pharisäer, die ihm den Treueeid verweigerten, verurteilte er ebenso zum Tode wie jugendliche Demonstranten, die den römischen Adler niederrissen, den er über dem Haupttor des Tempels anbringen ließ; sie wurden lebendig verbrannt. ‚Schließlich verbitterte sich sein Gemüt derart, dass er auch die Unschuldigsten nicht mehr gnädig ansah‘, schrieb der Chronist. Allerdings: In Betlehem und Umgebung lebten damals höchstens 1000 Menschen, es gab also nur ein paar Dutzend Knaben unter zwei Jahren. Der Mord an ihnen war zwar ein schreckliches Verbrechen, doch angesichts all der anderen Bluttaten des längst Wahnsinnigen mag er Josephus nicht erwähnenswert erschienen sein. Erst eine ein paar Jahrzehnte später entstandene jüdische Apokryphe, die Himmelfahrt des Moses, spricht von einem ‚Blutbefehl‘ des Herodes, ‚wie es in Ägypten geschah‘ – gemeint war die Order des Pharaos, alle erstgeborenen jüdischen Knaben zu töten.“

„Dann glaubst du also, dass die Heilige Familie vor Herodes nach Ägypten geflüchtet ist, wie es im Matthäus-Evangelium heißt:

‚Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.‘ (Mt 2,13–15)?

Immerhin sind die meisten Theologen der Ansicht, dass Matthäus sich das ausgedacht hat, um noch plausibler zu machen, dass Jesus der Messias ist.“

„Ich kenne diese Thesen“, winkte ich ab. „Die ganze Kindheitsgeschichte sollen sich Lukas und Matthäus aus rein theologischen Gründen ausgedacht haben. Dabei hatte die junge Kirche damals so viele Gegner, die hätten ja nur die Menschen in Betlehem und Nazareth fragen brauchen, um zu beweisen, dass das alles Lug und Trug ist. Doch im Gegenteil, versichert uns Origenes, selbst die Heiden wussten noch, wo sich das Wunder der Geburt Jesu zugetragen hat. Es ist also wirklich so, wie das Weihnachtslied verkündet: ‚Zu Betlehem geboren…‘ Diese Zeichen sind wie ein Code, den es zu entschlüsseln gilt. Durch sie hat Gott Seine Menschwerdung offenbart.“

Diese Leseprobe stammt aus folgendem Buch:
kath.net-Buchtipp:
Jesus in Ägypten
Das Geheimnis der Kopten. Vorwort Anba Damian
Von Michael Hesemann
Hardcover, 363 Seiten; mit Fotos
2012 Herbig
ISBN 978-3-7766-2697-1
Preis 25.70 EUR

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Foto (c) kath.net/Michael Hesemann


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