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'Die Gottesfrage ist entweder eine Frage für alle oder für keinen'

3. Dezember 2007 in Interview, keine Lesermeinung
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"Wie wollen Sie so sicher wissen, dass jemand nicht glaubt?" Psychiater und Buchautor Manfred Lütz spricht im KATH.NET-Interview über Glauben und Unglauben in der modernen Welt.


Rom (www.kath.net)
KATH.NET: Herr Lütz, in Ihrem neuen Buch „Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“ nennen Sie viele Beispiele von Versuchen, die Religion zu eliminieren. Auch nach Jahrhunderten ist dieses Phänomen nicht totzukriegen. Warum brauchen wir Religion und Glauben?

Lütz:Einen Gott, den man braucht, braucht man nicht. Wenn man nur an Gott glaubt, damit es in der Gesellschaft besser läuft, ist das bloß eine gescheite Form des Atheismus. Wir sollten uns der Gesellschaft nicht als die Saubermänner anbiedern. Die entscheidende Frage ist doch, ob es Gott gibt oder nicht. Dass der Glaube an Gott dann auch nützliche Folgen hat, steht auf einem anderen Blatt.

KATH.NET: In der Einleitung steht der Satz: „Atheisten verplempern kostbare Zeit für irrationale Bedenken und leben manchmal so, als gäbe es Gott vielleicht ein bisschen doch. Und Gläubige leben oft die meiste Zeit ihres Lebens so, als gäbe es Gott nicht.“ Was müssen die Gläubigen denn tun, um diesen Zustand zu ändern?

Lütz:Sich bewusster auf Gott hin orientieren und entschiedener leben.

KATH.NET: Sie schreiben, dass wir erheblich von dem beeinflusst sind, was man so denkt und man so glaubt. Was muss man tun, um den Menschen klarzumachen, dass der Glaube viel mehr ist als nur ein Trend auf Zeit?

Lütz:Weisen Sie hin auf die Unwiederholbarkeit jedes Moments und auf die Unwiederholbarkeit jeder Person. Leben Sie Ihren Glauben überzeugend vor. Das beginnt schon mit dem Tischgebet im Restaurant.

KATH.NET: Sie sind ja nicht nur Autor und Theologe, sondern auch Psychotherapeut und Arzt. Für viele Menschen ist Psychotherapie unvereinbar mit Religion. Kommen gläubige Patienten in die Praxis, ist der Glaube als „Übeltäter“ schnell erkannt. Sofort wird versucht diesen zu beseitigen und nicht das eigentliche Problem, mit dem der Patient gekommen ist. Ist es denn möglich eine Psychotherapie zu praktizieren, die den Glauben nicht gleich bekämpft, sondern ihn sogar aktiv in die Heilung miteinbezieht?

Lütz:Was Sie da beschreiben, war wohl vor 30 Jahren nicht selten. Doch wer heute als Psychotherapeut eine solche manipulative Haltung zeigen würde, bekäme Probleme mit den Berufsverbänden. Dennoch mag es noch Einzelfälle geben. Die meisten psychischen Störungen können heute mit verschiedenen Psychotherapiemethoden sehr gut behandelt werden. Gerade die katholische Tradition und vor allem Papst Benedikt XVI. betonen, dass man die Vernunft und damit die Ergebnisse der Wissenschaft bereitwillig nutzen soll.

Ob der Therapeut, der einem den Waschzwang therapeutisch beseitigt, Christ ist oder nicht, ist egal, er muss wissenschaftlich gut ausgebildet sein. Bei psychischen Störungen braucht man keinen christlichen Therapeuten, sondern einen guten Therapeuten. Wenn man aber den Sinn des Lebens sucht, ist Psychotherapie nicht der richtige Weg, dann braucht man einen guten Seelsorger. Vermischungen zwischen Psychotherapie und Seelsorge halte ich für problematisch. Das gab es bei Eugen Drewermann, aber auch bei anderen. Ich bekomme nicht selten Anrufe von Menschen, die einen christlichen Therapeuten suchen. Ich rate da in der Regel, am besten den Hausarzt zu fragen, mit welchem Psychiater und Psychotherapeuten er normalerweise zusammenarbeitet.

Dann sollte man diesen Therapeuten aufsuchen und ihm sagen: „Ich bin katholisch und möchte das auch gerne bleiben, können Sie damit umgehen?“ Ein seriöser Psychiater, der im Groll aus der Kirche ausgetreten ist, wird einen dann korrekterweise an einen Kollegen verweisen. Ein Kollege, der vielleicht aus dem Osten Deutschlands stammt, nicht getauft ist, aber über eine gute Ausbildung verfügt, kann die Depression eines Christen sehr erfolgreich behandeln.

KATH.NET: Gott spielt im öffentlichen Leben nur eine untergeordnete Rolle. Religion wird als etwas Privates angesehen, das jeder für sich selbst quasi im „Hinterzimmer“ betreiben kann. Wo liegen die Gefahren dieser fehlenden religiösen Sensibilität der Politik, aber auch der Medien?

Lütz:Wir erleben im Augenblick eine Veränderung der Situation. Das öffentliche Interesse an Religion ist wieder da. Und es ist nicht nur das Interesse an katholischen „Events“, wie der Wahl des neuen Papstes und der Weltjugendtag. Wenn Jürgen Habermas, der sich selbst als „religiös unmusikalisch“ beschreibt, in seiner berühmten Paulskirchenrede 2003 und anderswo daran erinnert, dass der für unsere Gesellschaften zentrale Begriff der Menschenwürde auf dem christlich-jüdischen Begriff der Gottebenbildlichkeit beruht, dann heißt das zugleich, dass wir auch öffentlich wieder von Gott reden müssen.

Denn die Menschenwürde ist keine private Angelegenheit. Die Gottesfrage ist aber entweder eine Frage für alle oder für keinen. Deswegen müssen wir wieder allgemeinverständlich und so von Gott reden, dass die Menschen das auch lesen. Ich habe mein Buch von einem Metzger und von dem Philosophen Robert Spaemann lesen lassen – und die haben es beide verstanden.

KATH.NET: Nehmen wir an, niemand würde mehr an die Existenz Gottes glauben. Wie lange würde eine solche Welt überleben?

Lütz: Es ist uns nicht prophezeit worden, dass am Ende der Tage alle Menschen den Glauben finden werden, sondern ganz im Gegenteil: Viele werden vom Glauben abfallen. Doch die Existenz der Welt hängt nicht von dem Glauben der Menschen ab. Auch eine Welt ohne Glauben an Gott würde gewiss in den guten Händen Gottes überleben.

Doch wie wollen Sie so sicher wissen, dass jemand nicht glaubt? Der Priester betet in der Heiligen Messe für „diejenigen, um deren Glauben niemand weiß als Du“. Die wissen noch nicht einmal selbst, dass sie glauben, aber sie leben auf der Suche nach Gott, den sie im Spruch ihres Gewissens vernehmen und auch sie, so formuliert das II. Vatikanum eine uralte katholische Glaubensüberzeugung, „können das ewige Heil erlangen“.

Interview: Adrienne Suvada

BUCHTIPP: Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“.

Foto: (c) Christoph Hurnaus



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