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Halloween und die doppelte Buchhaltung

27. Oktober 2009 in Chronik, keine Lesermeinung
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Wer heute darauf beharrte, Halloween sei töricht, Allerheiligen ein Freudentag, und der Advent beginne im Dezember, der verabschiedet sich aus den Bedingungen der Gegenwart - Ein Essay von Dr. Alexander Kissler


München (kath.net/www.alexander-kissler.de)
Die Verwirrung ist Normalfall geworden. Bald wird es niemandem mehr auffallen, dass der Kalender des Marktes einmal der Konkurrent gewesen ist einer ganz anderen Zählweise. Kulturelle Tiefenschichten aktualisierten einst das Vergangene als das zyklisch Widerkehrende. Heute ist Wundern fehl am Platz: Adventszeit ist Lebkuchenzeit und also September, Reformationstag ist Halloween, und Allerheiligen wird als „Tag des Gedenkens“ beworben.

Weil, ökonomisch gedacht, der Markt natürlich Recht hat, es also Konsumenten gibt, die im September Heißhunger verspüren auf Dominosteine und Elisenlebkuchen, quillen im Spätsommer die Gänge in den Einkaufsmärkten über von ehemals vorweihnachtlichem Naschwerk. Kommt das Ereignis, gerüchteweise gegen Ende Dezember, ist der kalorische Hunger längst gestillt, der ehemalige Anlass nur mehr lästig. Man ist der Weihnachtstage überdrüssig, noch ehe sie begonnen haben – ganz davon zu schweigen, dass Lebkuchen einmal ohne Schokolade hergestellt wurden, weil sie eine Fastenspeise waren in der das Christfest vorbereitenden Fast- und Bußzeit.


Ähnlich machtvoll verdrängte Halloween den Reformationstag. Nur hartgesottene oder hauptberufliche Protestanten fühlen sich bemüßigt, auf den Kern ihres Gedenkens am 31. Oktober hinzuweisen: dass da anno 1517 exakt 95 weltbewegende Thesen von dem Augustinermönch Luther öffentlich gemacht wurden.

Kinder hingegen ziehen mit dem neuheidnischen Spruch „Süßes oder Saures“ von Haustür zu Haustüre, wollen Geschenke erzwingen, drohen Sachbeschädigung an. Ein schlichtes Erschnorren ungesunder Gaben ist Halloween, huldvoll unterstützt von der Gummimasken-, der Schmink- und auch der Toilettenpapierindustrie. Auf dem stillen Örtchen kann man es dank bedufteter Abreißware nach Kürbis riechen lassen.

Allerheiligen schließlich, der 1. November, brach zusammen unter dem Ansturm der Blumenhändler. „Tag des Gedenkens“ steht nun vor jeder halbwegs gut sortierten Floralfiliale. Große, teure Gestecke soll man rechtzeitig erwerben, um damit die Friedhofsmitbesucher zu beeindrucken. Das Hochfest hingegen, dem selbst die Werbung noch die Treue hält, es nicht zum „Memory day“ umettiketiert hat, bezeichnet etwas ganz Anderes.

Nicht getrauert werden soll um die gestorbenen Angehörigen, sondern Freude herrschen ob der Vielzahl der Heiligen. Weiß ist die liturgische Farbe. Erst tags darauf, an Allerseelen, kommen Schwarz oder Violett und damit die Trauer zu ihrem Recht. Allerseelen, nicht Allerheiligen kam als Totengedenktag in die Welt. Dann aber sind die Gräber wieder unbesucht, das Interesse der Floristen gilt bereits anderen Umsatzbringern.

So hat der Kalender gemeinschaftlichen Gedenkens abgedankt. An seine Stelle trat die Buchhaltung der Kaufleute. Sie macht zu Salden, was Tradition war, zur individuellen Kosten-Nutzen-Kalkulation, wo kollektives Herkunftsbewusstsein aufschien.

Wer heute darauf beharrte, Halloween sei töricht, Allerheiligen ein Freudentag, und der Advent beginne im Dezember, der verabschiedet sich aus den Bedingungen der Gegenwart. Ihn belohnen aber womöglich die Freuden des Nonkonformismus. Das Vergangene wird Avantgarde.


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