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Hadrian VI., der letzte 'deutsche' Papst vor Benedikt

10. November 2010 in Chronik, 14 Lesermeinungen
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Symposion in Rom: Kurz nach Beginn der Reformation leitete Hadrian (+ 1523) eine radikale Reform der Kurie ein und wollte Graben zu Protestanten überwinden: ‚Sünden des Volkes haben ihren Ursprung in den Sünden der Geistlichkeit’


Rom (kath.net/KAP/red) Zur bleibenden Bedeutung von Papst Hadrian VI. (Pontifikat 1522-1523), dem letzten "deutschen" Vorgänger von Benedikt XVI., veranstaltet das römische Päpstliche Institut Santa Maria dell'Anima in Rom am 17. November ein Symposion. Bis zur Wahl von Johannes Paul II. im Jahr 1978 war Hadrian der letzte Nicht-Italiener auf dem Papst-Thron.

Gedanken des nur kurz amtierenden Papstes spiegeln sich bis heute in prominenten kirchlichen Texten, hob der Rektor des Instituts und Initiator des Symposions, Msgr. Franz Xaver Brandmayr - er stammt aus der Erzdiözese Wien -, am Mittwoch hervor. Brandmayr erwähnte als Beispiele dafür die Vergebungsbitte von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000, aber auch das Schreiben von Papst Benedikt XVI. an die irischen Bischöfe.

Das kurze Pontifikat des in der "Anima" beerdigten Papstes sei "von edlen Ansätzen, aber ebenso von Enttäuschungen durch die verweltlichte Kurie seiner Zeit" gekennzeichnet gewesen.

Erzieher Kaiser Karls V.

Adriaan Boeyens (als Papst Hadrian VI.) wurde als Sohn eines Schiffszimmermanns am 2. März 1459 in Utrecht geboren. Er studierte an der Universität Löwen Theologie und wurde Erzieher des späteren Kaisers Karl V. Die Kardinalswürde erhielt Boeyens 1517.

Nach dem Tod des Medici-Papstes Leo X. rivalisierten die gegnerischen Parteien im Konklave; schließlich wurde der am Hof in Spanien weilende Kardinal Boeyens am 9. Jänner 1522 zum Papst gewählt. Erst drei Wochen später erfuhr er von seiner Wahl, und erst Ende August kam er auf dem Seeweg nach Rom.


Pontifikat im Zeichen von Reform

Das Pontifikat Hadrians stand im Zeichen von Reform. Seine tiefe persönliche Frömmigkeit und sein bescheidener Lebensstil prägten den päpstlichen Hof, der zuvor im Prunk der Medici zu versinken drohte. Hadrian widmete sich ganz der radikalen Umgestaltung der Kurie in Funktion und Stil.

Hadrian VI. und die Reformation

Auch versuchte er, den aufgebrochenen Graben zum Reformator Martin Luther und den Protestanten zu überbrücken. Luther hatte 1517 seine „95 Thesen“ drucken lassen, die schnelle Verbreitung fanden; 1521 war er von Papst Leo X. exkommuniziert worden. Politisch sah Papst Hadrian sich mit dem Vordringen der Osmanen in Europa konfrontiert.

Am 3. Jänner 1523 ließ Hadrian durch seinen Legaten beim Reichstag von Nürnberg ein Breve verlesen, in dem er seine Hingabe und Entschlossenheit für eine innere Erneuerung der Kirche bekräftigte und ein großes Schuldbekenntnis aussprach.

In dem Schreiben verurteilte er einerseits den Irrtum und die Spaltung der Kirche durch die lutherische Bewegung, gestand aber die Schuld der Kurie ein. Der Papst bat auch um Geduld, da so tief eingewurzelte Missbräuche sich nicht mit einem Schlag abstellen lassen.

Das "Krebsübel" habe im Klerus von Rom begonnen, und hier müsse es auch ausgemerzt werden, schrieb Hadrian in aller Deutlichkeit. Den Propheten Micha zitierend meinte er auch, die Sünden der Priester seien zu den Sünden des Volkes geworden.

Wörtlich schrieb er in der Instruktion: "Du sollst auch sagen, dass wir es aufrichtig bekennen, dass Gott diese Verfolgung seiner Kirche geschehen lässt wegen der Sünden der Menschen, besonders der der Priester und der Prälaten. Die Heilige Schrift verkündet laut, dass die Sünden des Volkes in den Sünden der Geistlichkeit ihren Ursprung haben.

Wir wissen wohl, dass auch bei diesem Heiligen Stuhl schon seit manchem Jahr viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen: Missbräuche in geistlichen Dingen, Übertretungen der Gebote, ja, dass alles sich zum Ärgeren verkehrt hat. So ist es nicht zu verwundern, dass die Krankheit sich vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten verpflanzt hat.

Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom Weg des Rechtes abgewichen, und es gab schon lange keinen einzigen, der Gutes tat (Ps 13 [14],3). Deshalb müssen wir alle Gott die Ehre geben und uns vor ihm demütigen; ein jeder von uns soll betrachten, weshalb er gefallen, und sich lieber selbst richten, als dass er von Gott am Tage seines Zornes gerichtet werde."

Luther selbst nahm das aufrichtige Bemühen des niederländischen Papstes allerdings nicht ernst. Auch Philipp Melanchton verhielt sich reserviert, und Erasmus von Rotterdam - ein Schüler und Vertrauter Hadrians - folgte wegen angeblicher Magenprobleme der Einladung des Papstes, nach Rom zu kommen, um ihm bei der Reform der Kirche beizustehen, nicht. So blieb Hadrian in seinem Bemühen weitgehend allein.

Hadrian VI. starb am 14. September 1523. Er wurde zunächst im Petersdom bestattet, da die Kirche S. Maria dell'Anima noch im Bau war. 1533 wurde der Leichnam Hadrians in die neue Kirche überführt. Er wurde in dem Grabmal beigesetzt, das sein Vertrauter Willem van Enckvoirt - der einzige von ihm ernannte Kardinal und Rektor der Anima - gestiftet hatte. Es stellt auch heute noch einen Hauptanziehungspunkt dieser Kirche dar.

Über das historische Umfeld Hadrians VI. und sein kritisches Potenzial auch für unsere Zeit sprechen beim Symposion der Utrechter Erzbischof Willem Eijk, der niederländische Theologe und Kunsthistoriker Antoine Bodar, der Konservator in der Königlichen Bibliothek Belgiens Prof. Michiel Verwej, der Mainzer Historiker Prof. Eberhard J. Nikitsch, sowie P. Markus Graulich, Promotor Iustitiae der Apostolischen Signatur und Professor an der päpstlichen römischen "Salesiana"-Universität.

Das Päpstlichen Institut Santa Maria dell'Anima ist seit über 150 Jahren eine wichtige kirchliche Einrichtung für Priester aus dem deutschsprachigen Raum, die sich in Rom wissenschaftlich vertiefen wollen, viele davon im Bereich des Kirchenrechts.

Anlass für das Symposion ist die kürzlich abgeschlossene Renovierung der repräsentativen Sakristei des Instituts, die an diesem Tag als Veranstaltungsort des Symposions zugänglich sein wird.

Copyright 2010 Katholische Presseagentur, Wien, Österreich. Alle Rechte vorbehalten.

Foto: © www.kathpedia.com





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Lesermeinungen

 Hadrianus Antonius 13. November 2010 
 

Devotio moderna und Beschützer von lLas Casas

Das Wirken von Papst Hadrian VI ist viel breiter als seine (für die Deutschen natürlich sehr wichtige) Rolle bei den Anfängen der Reformation:
-Eng verbunden mit der Bewegung der Devotio moderna und beeinflußt von der Mystik des Kartäusermönchs Dionysius van Rijckel, war Adriaen Boeyens bekannt mit Blomevenna und der Kartause von Köln, wo 1545 Petrus Canisius erstmals contrareformatorisch tätig war. Papst Hadrian VI war mit seinen Bestrebungen die Kirche zu reformieren obwohl nicht sofort, dafür später umsomehr erfolgreich.
-1516-1517 weilte Adraen Boeyens in Spanien und verfolgte von sehr nah die Arbei an der Complutensischen Polyglotte, einer mehrsprachigen wissenschaftlichen Bibelausgabe, einem typographischen Meisterwerk ersten Ranges und eminent wichtig in den theologischen Diskussionen in den Anfängen der Reformation( philogisch deutlich besser als das Novum Instrumentum von Erasmus).
-Hadrianus VI beschützte vom Anfang an Fra Bartolomé de Las Casas, der große missionar und Beschützer der Indianer: eine sehr mutige, von großer Weitsicht zeugende Haltung.
Die Verbindung von gr0ßer persönlicher Frömmigkeit, vom wissenschaftlichen Interesse im Dienste des Glaubens und von mutigen pastoralen Einsatz für die weltumspannende Kirche machen Papst Hadrian VI zum Vorläufer und großem Vorbild der Päpsten in den Neuen und Neuesten Zeiten.


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 Calimero 11. November 2010 
 

@Felizitas Küble

vielen Dank für die ausführliche Antwort.


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 Felizitas Küble 11. November 2010 
 

Maleachis Klage über die Priesterschaft !

@Calimero
Papst Hadrian hat mit Recht auf die Heilige Schrift verwiesen, die sich öfter zunächst die Sünden der Priester vorknöpft und danach erst die Sünden des Volkes.

Ein typisches Beispiel hierfür ist der Prophet Maleachi (Malachias), durch den Gott im 2. Kapitel zuerst die Priesterschaft beschuldigt, danach das erwählte Volk:

AT Mal. 2,1 ff:
\"Und nun für euch, ihr Priester, dieses Gebot: Wenn ihr nicht hört und wenn ihr es euch nicht zu Herzen nehmt, meinem Namen Ehre zu geben, spricht der HERR der Heerscharen, dann sende ich den Fluch unter euch und verfluche eure Segensgaben; ja, ich habe sie schon verflucht, weil ihr es nicht zu Herzen nehmt.
Siehe, ich bedrohe euch die Saat und streue Mist auf euer Gesicht, den Mist eurer Feste; und man wird euch zu ihm hintragen.
So werdet ihr erkennen, daß ich dieses Gebot zu euch gesandt habe, damit mein Bund mit Levi gültig bleibe, spricht der HERR der Heerscharen.
Mein Bund mit ihm war das Leben und der Friede; und ich gab sie ihm. Er fürchtete mich, und vor meinem Namen erschauerte er. Zuverlässige Weisung war in seinem Mund, und Unrecht fand sich nicht auf seinen Lippen. In Frieden und Geradheit lebte er mit mir, und viele brachte er zur Umkehr von Schuld.
Denn die Lippen des Priesters sollen Erkenntnis bewahren - und Weisung sucht man aus seinem Mund; denn er ist ein Bote des HERRN der Heerscharen.
Ihr aber, ihr seid abgewichen vom Weg, ihr habt viele durch falsche Weisung zu Fall gebracht, habt den Bund Levis gebrochen, spricht der HERR der Heerscharen.
So habe denn auch ich euch verächtlich und niedrig gemacht für das ganze Volk, weil ihr meine Wege nicht beachtet und die Person anseht, wenn ihr Weisungen verkündet.\"

Soweit das AT - ist also doch eindeutig, daß hier die Sünden und Versäumnisse der Priesterschaft als eine wesentliche Ursache für den sittlich-religiösen Niedergang des Volkes angesehen werden.
In den nachfolgenden Zeilen beklagt sich der Prophet im Namen Gottes dann über die Sünden des Volkes Israel.


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 Calimero 11. November 2010 
 

Ein sehr interessanter Artikel

Ich wusste bisher nichts von einer dergleichen schonungslosen Selbsteinschätzung eines damaligen Papstes im Hinblick auf den Zustand der Kirche.

Eine Frage hätte ich noch:
Zitat Hadrian: \"Die Heilige Schrift verkündet laut, dass die Sünden des Volkes in den Sünden der Geistlichkeit ihren Ursprung haben.\"
Für mich ist der hintere Halbsatz historisch und intellektuell gut nachvollziehbar. Aber lässt sich diese Erkenntnis tatsächlich aus der heiligen Schrift ableiten?


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 Aegidius 11. November 2010 
 

Ohne Luther wäre alles in Butter.


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 Felizitas Küble 11. November 2010 
 

Glaubensspaltung von Umständen her nicht nötig

@Murner
Sie schreiben:
\"Ursprünglich erschien mir eigentlich nur Frau Kübles Aussage ein bisschen gar zu vereinfachend und ich wollte dem einen etwas komplexeren Zugang entgegensetzen. Es ist nun einmal so, dass in der Geschichte nichts nur eine einzige Ursache hat: Luther war sicher der wichtigste Akteur der Reformation, aber er war eben nicht der einzige und er hat sie auch nicht im Alleingang aus dem Nichts erschaffen.\"

Weder hatte ich je behauptet, die \"Reformation\" sei quasi aus dem Nichts entstanden noch Luther sei der einzige wichtige Akteur gewesen.

Er war aber doch wohl von allen der wichtigste im Sinne des Verursacherprinzips.

Daß die Zeit \"reif\" war für einen Protestler, bestreitet keiner.
Das war sie auch in früheren Mißstands-Epochen, ich erinnere an die kaiserlose Zeit oder die Verwirrung durch Gegenpäpste, an Päpste in Avignon, dann die Verweltlichung in der Kirche (Franziskaner als Reformkraft), sodann das Aufkommen des Hexenwahns etc.

Die Kirche konnte sich stets durch die vom Heiligen Geist erweckte innere Kraft der Erneuerung und durch die Heiligen wieder halbwegs \"ins Lot bringen\" - das wäre auch im 16. Jahrhundert möglich gewesen, dazu war keine Glaubensspaltung \"nötig\".

Insofern bleibt die persönliche Verantwortung Luthers für diese verhängnisvolle Entwicklung bestehen, wenngleich ich ihm durchaus keine \"Alleinverantwortung\" aufbrummen möchte, da mir die \"Strukturen\", die ihn begünstigt haben, bekannt sind, ebenso die mitverantwortlichen Akteure (zB Reichsfürsten).
Zu den Umständen, die Luthers Glaubensspaltung erleichtert haben, gehörte auch der Buchdruck.

Nach wie vor meine ich, daß Luther durch den Bußakt Papst Hadrians von Gott her noch die letzte Chance erhielt, die Kurve zu kriegen.
Er war 1523 immerhin noch von katholischer Restgläubigkeit beseelt, auch was zB. die Marienverehrung betrifft, hatte er doch 2 Jahre zuvor das Magnificat ausgelegt, wobei er den Ehrentitel \"Gottesmutter\" für die Madonna vehement verteidigte.

Die fast völlige innere Abwendung Luthers von seinen katholischen Wurzeln wird allgemein mit seiner Heirat 1525 angenommen. Da war dann quasi der Zug ab-gefahren.

Vorher hätte er den \"Mantelsaum der Geschichte\" noch ergreifen können: mit der ausgestreckten Hand Hadrians!

Es bleibt jedenfalls aus meiner Sicht dabei: ohne Luther keine \"Reformation\" und damit auch kein 30-jähriger Krieg!


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 Murner 11. November 2010 
 

@Dismas
Da habe ich mich wohl etwas unklar ausgedrückt. Ich möchte Gustav Adolf keineswegs einen Heiligenschein aufsetzen, den hat er ebensowenig verdient wie irgend ein anderer Akteur diese Kriegs und ich habe ja auch geschrieben, dass beim Schwedenkönig gewichtige Machtpolitische Interessen mitgespielt haben dürften. Genausowenig sollte man aber Ferdinand und Maximilian auf ein Podest stellen. Ich will beiden die persönliche Frömmigkeit nicht absprechen, aber zumindest bei Maximilian hat sie wohl kaum einen großen Einfluss auf sein politisches Handeln gehabt. Maximilian war eiskalter Machtpolitiker. Aber eigentlich möchte ich wieder ein bisschen vom Dreißigjährigen Krieg wegkommen. Ursprünglich erschien mir eigentlich nur Frau Kübles Aussage ein bisschen gar zu vereinfachend und ich wollte dem einen etwas komplexeren Zugang entgegensetzen. Es ist nun einmal so, dass in der Geschichte nichts nur eine einzige Ursache hat: Luther war sicher der wichtigste Akteur der Reformation, aber er war eben nicht der einzige und er hat sie auch nicht im Alleingang aus dem Nichts erschaffen.


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 Dismas 10. November 2010 

Umkehr wäre möglich gewesen

In dieser Diskussion neige ich Frau Küble zu. Ich fasse mich im Folgenden absichtlich kurz. Sicher Luther hatte sich schon sehr weit mit den auf das Kirchengut gierigen Fürsten verbündelt. Dennoch wäre die Kirchenspaltung in der bekannten Form nicht geschehen. Aber Luther ging es längst nicht um sichtbare Missstände (die waren Propaganda um das fromme Volk zu gewinnen) in Wirklichkeit wollte er eine ANDERE THEOLOGIE!!


Sicher, da hat Murner einen wichtigen Punkt genannt, die Macht der Reichsfürsten stieg, die Reichsreform, die lang gefordert war hatte Kaiser Maximilian zwar begonnen, aber nicht beenden können. Gravamina (Beschwerden) der Reichstände gegen die Kirchenzustände lagen schon lange auf dem Tisch.
Nun, \"was wäre wenn\" ist in der Geschichte immer ein unsicheres Spiel. Den 30jährigen Krieg in dieser Form hätte es bestimmt nicht gegeben. Die Auslösung war der konfessionelle Gegensatz. Es ist richtig, spätestens ab 1635 kann man nicht vom Glaubenskrieg sprechen. Es ging um die kaiserliche Macht im Reich. Daher auch das Eingreifen des alten Feindes Habsburgs Frankreich auf Seiten der Schweden.
Nun, der Wertung von Murner, ich zitiere:
\"Außer Gustav Adolf und mit Einschränkungen Ferdinand II. hatten aber alle Akteure von Anfang an eher weltliche Beweggründe\" kann ich NICHT zustimmen. Gustav Adolf, kratzen wir mal den protestantischen Heiligenschein (Prot. Propaganda, bes. im 19.Jh.) herunter, trat zwar offiziell wegen der Sache der Protestanten ins Feld hatte aber auch starke Machtinteressen, Schweden wurde Großmacht der Ostsee, er strebte nach der Kaiserkrone im Reich. Kaiser Ferdinand II. kann ich nicht wie Murner gegen G.A. herabsetzen, der war ein guter Katholik, dem an der katholischen Religion sehr viel gelegen war, ebenso Herzog (Kurfürst) Maximilian I. von Bayern, der große Marienverehrer. Sicher beide hatten zudem die Interessen ihrer Häuser im Blick. Aber Gustav Adolf war keinesfalls etwa \"edler\" als diese beiden gläubigen katholischen Fürsten.


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 palmzweig 10. November 2010 

@ Felizitas Küble

\"Dieser fürchterliche Krieg wäre allerdings ohne die \"Reformation\" nicht entstanden.\"
Das ist richtig, aber die Ebene, die Sie mit dieser Präzisierung Ihrer Aussage eingenommen haben, nimmt Ihrer These doch ordentlich Luft weg. Sie ist dann von einem Allgemeinplatz nicht mehr weit entfernt. Denn der Bedingungen der Möglichkeit, dass ... derer gibt es viele.

Außerdem muss man bei der Frage nach der Intention Luthers stärker deren Entwicklungsgeschichte in den Blick nehmen. Gerade in den ersten Jahren der Reformation tut sich da Entscheidendes. Und meines Erachtens spricht viel dafür, dass sich bis 1522 bereits eine Eigendynamik entwickelt hat, die man vielleicht mit Goethes Zauberlehrling ganz gut vergleichen kann. Die Geister die Luther 1517 rief, die wäre er 1522 schon nicht mehr los geworden, selbst wenn er das gewollt hätte.


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 Felizitas Küble 10. November 2010 
 

Die Bedeutung einzelner Persönlichkeiten

@Murner
Unsere Diskussion erinnert mich insofern an Debatten über den Holocaust, als es dort - auch während des sog. \"Historikerstreits\" - auf der einen Seite die \"Intentionalisten\" gab, die ihr Augenmerk vor allem auf einzelne Akteure und deren Ziele und Absichten konzentierten - auf der anderen Seite die \"Strukturalisten\", die eher die Sachkonstellationen und gesellschaftlichen Umstände beachteten.

Natürlich ist bei einer objektiven Geschichtsbetrachtung beiden Gesichtspunkten Raum zu geben: sowohl den \"intentionalistischen\" wie den \"strukturellen\" Aspekten.

Ich widerspreche Ihnen nicht grundsätzlich, wenn Sie auf diese strukturellen Umstände zur Zeit der \"Reformation\" hinweisen, doch scheint mir, daß Sie die \"bewegende\", gestaltende und prägende Wirkung Luthers unterbewerten.

Massive innerkirchliche Mißstände waren nicht erst im 16. Jahrhundert vorhanden, sondern etwa auch zur Zeit eines Franz von Assisi - führten sie damals zur Kirchenspaltung?
Eben nicht.
Warum nicht?
Vor allem deshalb, weil Franz von Asssi
eben kein Martin Luther war: er war ein wirklicher Reformator, kein Kirchenspalter.

Unterschätzen wir also nicht die Bedeutung einzelner Persönlichkeiten!


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 GvdBasis 10. November 2010 

Frau Küble, hier geht\'s auch noch munter weiter:

www.kath.net/detail.php?id=28747


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 Felizitas Küble 10. November 2010 
 

Verpaßte Chance für Glaubenseinheit

@Murner
Mir sind die politischen und persönlichen Interessen vieler Fürsten an der \"Reformation\" durchaus bekannt.
Ich verstand meinen Kommentar allerdings nicht als Inhaltsangabe für eine Seminararbeit über alle Aspekte der Glaubensspaltung in Deutschland.

Zudem ist natürlich klar, daß der 30-jährige Krieg nicht \"allein\" ein Religionskrieg war - ich hatte dergleichen keineswegs behauptet.

Dieser fürchterliche Krieg wäre allerdings ohne die \"Reformation\" nicht entstanden.

Schwedenkönig Gustaf Adolf hatte überdies neben politischen auch starke konfessionelle Motive (Stärkung des Protestantismus) für seine Feldzüge.

Der Bußruf von Papst Hadrian geschah zur Frühzeit der \"Reformation\" - damals war eine \"Wende\" zum Guten, zur Rückkehr durchaus denkbar und realistisch.
Auch der Bauernkrieg kam erst später, als Luther schlußendlich die Fürstenmacht
festigte.

Ich bleibe dabei:
Wäre es Luther allein um die Reform tatsächlicher Mißstände gegangen (wie etwa betr. der Ausuferungen des Ablaßwesens), dann hätte er die ausgestreckte Hand von Papst Hadrian ergriffen, zumal dieser - wie Luther - ein Deutscher war.

Selbst wenn ein Teil seiner Anhänger diesen Schwenk nicht vollzogen hätte, wäre gleichwohl der weitere Verlauf der Ereignisse ein völlig anderer gewesen.

Die \"Reformation\" gewann natürlich allmählich eine gewisse \"Eigendynamik\" - aber nicht ohne, sondern mit Luther.


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 Murner 10. November 2010 
 

Hätte Luther noch etwas ändern können?

@Felizitas Küble
Ihre Würdigung Hadrians VI. in allen Ehren, aber ich glaube nicht, dass eine Rückkehr Luthers in die katholische Kirche zu diesem Zeitpunkt die Reformation noch aufgehalten hätte. Luther hatte die Ereignisse zwar angestoßen und blieb bis zu seinem Tod der große geistige Übervater der Reformation, aber die Vorstellung, dass er ihren Verlauf aktiv steuerte oder steuern konnte, geht an der historischen Realität vorbei. Neben der weitverbreiteten (und durchaus berechtigten) Unzufriedenheit des Volkes mit dem Klerus wirkten vor allem die Machtinteressen der Reichsfürsten als Katalysatoren der Reformation in ihren jeweiligen Ländern. Diese Im Detail auszuführen würde den Rahmen dieses Kommentars bei weitem sprengen. Nur so viel: Die Abspaltung von Rom und die Gründung von Landeskirchen erlaubte den Fürsten neben der vollkommenen Unabhängigkeit von Rom eine größere Unabhängigkeit vom Kaiser und gleichzeitig eine Schwächung des niederen Adels sowie Zugriff auf Kirchenbesitz.
Auch der Einordnung des Dreißigjährigen Krieges als Religionskrieg muss ich teilweise widersprechen. Von Anfang an spielte Religion in diesem Konlikt zwar ein Rolle, war aber nicht alleiniger Auslöser. Spätestens mit dem Kriegseintritt Frankreichs 1635 trat der Konfessionskonflikt gänzlich in den Hintergrund und der Krieg wurde endgültig zum Kampf der beiden katholischen Häuser Habsburg und Bourbon um die Vorherschaft in Europa.


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 Felizitas Küble 10. November 2010 
 

Die letzte Chance Luthers zur Umkehr

Nachdem Papst Hadrian in der Frühzeit der Reformation ein so klares und demütiges Schuldbekenntnis über die Mißstände in der katholischen Kirche verkündigen ließ, wäre es für Luther die letzte Chance gewesen, die Kurve zu kriegen und zur Kirche Christi zurückzukehren.

Doch er hat sich über den Bußakt des Papstes nur lustig gemacht, er hat die ausgestreckte Hand der Kirche zurückgewiesen, womit zugleich klar ist, daß es ihm keineswegs \"nur\" um innerkirchliche Reformen ging, sondern um eine neue Theologie.
Andernfalls wäre es angesichts der großherzigen Geste des Papstes zur Wiedervereinigung im Glauben gekommen - und damit wäre auch der furchtbare 30-jährige Kriege verhindert worden, der zwei Drittel der Deutschen das Leben kostete und unser Land damals fast entvölkerte.


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