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Online lieben lernen?– Sexualerziehung in digitalisierter Gesellschaft

28. Februar 2020 in Interview, 1 Lesermeinung
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Pornografie und Cybersex sind normale Genussmittel, sagen die einen. Andere betonen die Gefahr sozial-ethischer Desorientierung, von Suchtmitteln - Dominik Lusser von Zukunft CH im Gespräch mit der Psychologin und Traumatherapeutin Tabea Freitag*.


Winterthur (kath.net/www.zukunft-ch.ch) Pornografie und Cybersex sind normale Genussmittel, sagen die einen, nicht viel anders als Schokolade. Andere betonen die Gefahr sozial-ethischer Desorientierung und sprechen von riskanten Suchtmitteln. Wie und wo werden Jugendliche heute „fit for love“? Dominik Lusser von Zukunft CH im Gespräch mit der Psychologin und Traumatherapeutin Tabea Freitag*.

Frau Freitag, wo steht der gesellschaftliche Diskurs zum heissen Eisen der Pornografie?

Es gibt hier keinen Konsens. Die Heils- und Bildungsversprechen der Digitalisierung stehen dem Schweigen und der Sprachlosigkeit angesichts ihrer Schattenseiten gegenüber, denn seit das Internet mobil zugänglich ist, geraten Kinder vielfach bereits im Grundschulalter auf einschlägige Seiten. Mit den zutiefst verstörenden Eindrücken bleiben sie meist allein. Nur 4 Prozent der Kinder reden mit ihren Eltern darüber. Neben der empfundenen Scham ist es vor allem die Ambivalenz, die das Reden selbst bei guter Eltern-Kind-Beziehung so schwer macht: „Das ist eklig und macht mich doch an.“ Die Gleichzeitigkeit von verstörenden Gefühlen und biologischer Stimulierung verwirrt die natürliche Intuition. Sexbilder verletzen zudem ihre Schamgrenzen. Darum ist entscheidend, dass erwachsene Bezugspersonen das Tabuthema aktiv ansprechen, auf eine verständnisvolle Weise danach fragen und über die Folgen aufklären.

Verschärft sich das Problem? Und was hängt alles damit zusammen?

Während die Zahl der Konsumenten in jedem Alter und Geschlecht und mit jeder Digitalisierungswelle weiter steigt, haben auch die Inhalte gemäss der Spirale von Angebot und Nachfrage in wenigen Jahren eine drastische Steigerung hinsichtlich der gezeigten Demütigungen und Gewalt an Frauen erfahren. Um überhaupt noch einen Kick zu erleben, brauchen viele Konsumenten mit der Zeit immer brutalere „Sexzesse“. Für deren Herstellung boomen Menschenhandel und moderne Sklaverei. Aber auch „freiwillige“ Darstellerinnen ertragen die branchenübliche Gewalt in der Regel nur durch Betäubungsmittel, Drogen und psychische Dissoziation (innere Spaltung).

Wie sind Sie bei Ihrer Arbeit mit dem Thema konfrontiert?

In unserer Fachstelle Mediensucht RETURN begegnen wir den Folgen sexualisierter Medien in dreierlei Hinsicht: In Beratung und Therapie mit Menschen, die Hilfe für den Ausstieg aus ihrer Internet-Sexsucht suchen, sowie mit Frauen, die unter der Pornosucht ihres Mannes leiden und deren Partnerschaft daran zu zerbrechen droht. In der Präventionsarbeit mit unserem Programm „Fit for Love?“ treffen wir auf Schülerinnen und Schüler, die dankbar sind, dass sie endlich mit Erwachsenen offen und zugleich auf gesichtswahrende, nicht schamverletzende Weise über ihre Fragen und Ambivalenzen hinsichtlich Pornografie, Sexualität, Liebe und Partnerschaft reden können.


Wie wirkt sich Internetpornografie auf reale Beziehungen aus?

Der Sehnsucht junger Menschen nach einer stabilen vertrauensvollen Partnerschaft in der Zukunft steht die Gewöhnung an sexuelle Instantbefriedigung mittels eines unbegrenzten „virtuellen Harems“ gegenüber. Die Suche nach dem noch Besseren, Ultimativen wird in der Regel auch in der Partnerschaft heimlich fortgesetzt und untergräbt Vertrauen. Gift für die Beziehungsfähigkeit ist auch die Lüge der Pornografie, Sex sei immer verfügbar, kenne keine Grenzen und es gehe dabei ausschliesslich um die eigene Befriedigung. Die narzisstische Anspruchshaltung: Du hast ein Recht auf Sex! Nimm dir, was du willst!, fördert nicht nur sexuelle Grenzverletzungen, die besonders in jungen Beziehungen stark zunehmen. Hier findet auch keine Resonanz mehr statt zwischen zwei Personen (per-sonare: hindurchklingen). Es braucht den Resonanzraum unserer ganzen Persönlichkeit, um Sexualität erfüllend leben zu können. Narzissmus ist im Grunde das Gegenteil der Fähigkeit zu lieben. Narzisstische Bedürfnisbefriedigung sieht den anderen primär funktional und benutzt ihn für eigene Zwecke, auch wenn sich diese Motive gut getarnt hinter Komplimenten u.v.m. verbergen können. Liebe sieht den anderen als Person in seiner einzigartigen Würde und freut sich an ihm und daran, ihn zu erfreuen.

Durch das Internet scheint der Konsumismus den Umgang mit der Sexualität zu bestimmen. Wie verändert das den Menschen?

Die vielfältigen sexuellen Angebote im Netz – von Pornografie über interaktiven Cybersex bis hin zu schnellen Dates via Smartphone-Apps wie Tinder – ermöglichen sex for fun ohne jemanden bitten, ohne sich investieren und wirklich einlassen zu müssen und ohne sich einem Menschen zu verdanken. In „Pornotopia“ bekommt der Konsument alles, jederzeit, sofort und ohne Anstrengung. Die Fähigkeit, Spannung auszuhalten, ist aber zentral für die Beziehungs- und Liebesfähigkeit. Bitten, warten und danken fällt Narzissten schwer, Liebenden leicht.

Wodurch zeichnet sich menschliche Sexualität aus?

Tabea Freitag: Der Umgang mit Sexualität ist nicht in erster Linie eine „moralische“ Frage nach Grenzen, sondern eine nach ihrer Mitte und Bedeutung. Im Umgang mit Sexualität spiegelt sich die Wertehierarchie unserer Gesellschaft: Instrumentelle Gesichtspunkte, d.h. die Frage nach dem eigenen Nutzen, in Bezug auf die Verfügbarkeit von Sex, die Multioptionalität und Autonomie verdrängen die zentralen Fragen nach der menschlichen Würde, der Unverfügbarkeit sexueller Hingabe und der Bedeutung personaler Liebe und Bindung. Wo Inhalt, Sinn und Mitte fehlen, können auch Grenzen nicht mehr wahrgenommen werden. Entweder sie werden unklar, verschwommen und verwirrend, oder sie folgen starren äusseren Setzungen.

Wie macht man junge Menschen fit für die Liebe?

„Bildung“ bedeutet sprachgeschichtlich, einer Sache Gestalt und Wesen geben. Das Programm „Fit for Love?“ – wozu es auch ein Buch gibt – vermittelt daher den Sinnzusammenhang der körperlichen, psychischen und Bindungsdimension von Sexualität auch durch Bilder. So lässt sich das Trainieren von emotionaler Spannkraft gut im Bild des Bogenschiessens verdeutlichen: Jugendliche formulieren ihre längerfristigen Beziehungsziele und erarbeiten dann, was hinderlich oder förderlich ist, um das Ziel zu erreichen. Was ist nötig, um die Spannung auf der Sehne, also die Spannung zwischen komplementären Bedürfnissen, wie Bindung und Autonomie, Spass und Verantwortung, zu halten und zum richtigen Zeitpunkt loszulassen?

Ein anderes Bild ist das Feuer: Feuer ist Urbild für brennende Leidenschaft, es kann als Kamin- oder Lagerfeuer positive Kräfte entfalten oder als gieriger Flächenbrand Zerstörung anrichten. Jugendliche erarbeiten, was beide unterscheidet.

Gibt es auch ein Bild, das speziell Mädchen anspricht?

Zu den Bildern, die etwas von dem Geheimnis und Wesen menschlicher Sexualität offenbaren, gehört für mich seit vielen Jahren auch das Bild des inneren Gartens: Der einzigartige, schöne geschützte Garten (vgl. Hoheslied 4) ist zunächst ein Bild für die Identität – Wer bin ich? – als auch, im Einladen des/der Geliebten in den eigenen Garten, für sexuelle Intimität. Besonders Mädchen und Frauen spricht das Bild sehr an: Wie ist der Garten meiner Persönlichkeit angelegt? Was will in mir aufblühen, sich entfalten? Bin ich in mir zu Hause, oder bin ich ausser mir? Muss ich immer online sein, um „in“ zu sein, oder kann ich auch bei mir sein? Die eigene Identität kennen und schätzen zu lernen ist Voraussetzung für Intimität – den Garten zu zweit zu geniessen. Zugleich wird hier für gesunde Grenzen sensibilisiert.

Ein Garten ist ja kein Selbstbedienungsladen?

Genau. Da darf niemand einfach kommen, um sich die Äpfel zu nehmen. Man muss sich erst als vertrauenswürdig erweisen, um in den Garten eingeladen zu werden. Denn Hingabe, Intimität macht zutiefst verletzlich. Wer nur an die Früchte will, zertritt andere Pflanzen. Wer liebt, sieht und sucht den ganzen Garten der Persönlichkeit und fördert sein Aufblühen. Das schliesst ein, sich gegenseitig mit seinen Unterschieden und Herausforderungen, mit stachligen Rosen und trauernden Weiden, in unterschiedlichen Wetterlagen und Jahreszeiten zuzumuten und anzunehmen und gerade daran zu wachsen. Dann können Liebende den Garten gemeinsam immer wieder neu mit allen Sinnen entdecken, staunen und geniessen, wild oder zart erobern, sich suchen und finden und ihre Liebe und Lebendigkeit feiern. Liebe weckt in beiden Lebendigkeit und fördert alles, was beide aufblühen lässt. Liebe schliesst darum Selbstliebe mit ein.

Kann man auch in digitalisierten Zeiten so lieben lernen?

Ja! Und als Eltern, Therapeuten oder Pädagogen, die junge Menschen begleiten, sollten wir gerade hierfür Zeit investieren, weil alles Wesentliche im Leben davon abhängt.

—

*Tabea Freitag, geboren 1969, ist Dipl.-Psychologin und Psychotherapeutin in eigener Praxis mit dem Schwerpunkt Therapie bei sexueller Traumatisierung sowie bei Mediensucht (www.tabea-freitag.de). Gemeinsam mit ihrem Mann Eberhard Freitag hat sie 2008 „RETURN – Fachstelle Mediensucht“ in Hannover gegründet (www.return-mediensucht.de).

Mehr zur Stiftung Zukunft CH: siehe Link



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Lesermeinungen

 girsberg74 28. Februar 2020 
 

An Ansatzpunkten für kritische Kommentare, auf die man sich gerne stürzt,

gibt das Interview nichts her, doch umso mehr sollte dafür geworben, sollte es verbreitet und angenommen werden.

(P.S. - „Danken, danken und nochmals danken“ hat seine Grenzen in verschiedener Hinsicht. Dennoch sollte versucht werden, dem/den Autor(en), - so irgendmöglich -, eine positive Rückmeldung zu geben. Wie das im jeweiligen Fall geschehen kann, kann ich allerdings auch nicht sagen.)


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