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Erinnerung darf sich nicht aus dem Geist der Skandalmentalität nähren

3. November 2008 in Aktuelles, keine Lesermeinung
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"Die in unserer Öffentlichkeit gepflegte Strategie des skandalisierten Zeigefingers auf andere verschleiert allzu leicht jene Abgründe, die es beim Skandalisierten gibt - Ein Beitrag von Bischof Manfred Scheuer zu 70 Jahre "Reichskristallnacht"


Innsbruck (kath.net/pdi)
„Wer nicht eine Vergangenheit zu verantworten und eine Zukunft zu gestalten gesonnen ist, der ist ,vergesslich’, und ich weiß nicht, wie man einen solchen Menschen packen, stellen, zur Besserung bringen kann.“ So schrieb Dietrich Bonhoeffer 1944 aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel an seinen Freund Eberhard Bethge.

Christliche Erinnerung an die Pogromnacht („Reichskristallnacht“) bleibt auch nach 70 Jahren durch den Gedanken der Verstrickung in Schuldzusammenhänge, das gläubige Vertrauen auf die erlösende Macht Gottes und die aufrichtige Bitte an Gott und an sein erwähltes Volk um die Schuldvergebung strukturiert. Die mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen Jahrhunderte lang tradierten antijüdischen Stereotypen in der christlichen Theologie, v. a. die Anklage des Gottesmordes trugen zum Gefühl der Selbstgerechtigkeit der Christen bei, trugen bei den Christen zu einer Mentalität bei, die sich vor der notwendigen Solidarität mit den ausgegrenzten und nach und nach auch dem Tod preisgegebenen Opfern des nationalsozialistischen Regimes drückte. Auch wenn es zahlreiche Christinnen und Christen, Ordensleute und Priester gegeben hat, die unter Lebensgefahr jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger retteten, war das Bewusstsein der Glaubensolidarität nicht vorhanden. Die Kirche in Tirol stellte keine Ausnahme im Kontext dieser schmerzhaften Verstrickung dar; die Jahrhunderte lang gepflegte Wahlfahrt zu Anderl von Rinn trug auch zur Mentalitätsbildung bei.


Die im Zweiten Vatikanischen Konzil eingeleitete Umkehr im Verhältnis der Kirche zum Judentum, die vielen Akzente der Versöhnung, die Papst Johannes Paul II. auf weltkirchlicher Ebene und mein Vorgänger Reinhold Stecher auf diözesaner Ebene gesetzt haben, zeugen vom „Wunder der Glaubenssolidarität“ zwischen jenem Volk, das Gott zuerst geliebt hat und der Kirche Jesu Christi.

Die heutige Erinnerung an die Vorgänge vor 70 Jahren darf sich nicht aus dem Geist der Skandalmentalität nähren. Die in unserer Öffentlichkeit gepflegte Strategie des skandalisierten Zeigefingers auf andere verschleiert allzu leicht jene Abgründe, die es beim Skandalisierten gibt.

So tragen wir unsere Ehrfurcht vor den Opfern, unseren Schmerz über das bis dahin unausdenkbare Leid, das dem jüdischen Volk angetan wurde, und unsere Hoffnung, dass nicht die Täter, sondern die Opfer und deren Würde das letzte Wort in der Geschichte haben, vor Gott den Richter menschlicher Geschichte vor.




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