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Was Katholiken von Evangelikalen lernen können

16. Mai 2012 in Kommentar, 17 Lesermeinungen
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Liebe Evangelikale: Bitte lehrt uns diese Beheimatung in der Heiligen Schrift, nach der auch wir Katholiken uns sehnen! Ein Kommentar aus Anlass des 98. Deutschen Katholikentages von Manfred Lütz


Köln (kath.net/idea) Ich bin gerne katholisch und habe damit weder logisch noch moralisch noch persönlich ein Problem. Wenn meine Kirche angegriffen wird, versuche ich verständlich zu machen, wie die katholische Kirche wirklich tickt.

Meine Kirche ist für mich wie eine liebenswürdige alte Frau mit Runzeln und Falten aus guten und bösen Zeiten. Sie hat 2.000 Jahre lang viel Leid, Streit und Verleumdung überlebt – und doch kann sie in den leuchtenden Augen einer Mutter Teresa immer noch den Glanz einer Wahrheit ausstrahlen, die bis in unsere Tage nicht an Kraft verloren hat.

Sie sind tapfere, fromme und vitale Leute

Evangelikale waren früher – für einen Katholiken wie mich – Menschen von einem anderen Stern. Die selbst ernannten Rebellen in meiner eigenen Kirche fand ich zumeist geistig wenig anregend und vor allem nicht gerade mutig. In Deutschland gehört kein Mut dazu, die katholische Kirche und den Papst zu kritisieren.


Ich hatte gehört, dass auch Evangelikale Kirchenrebellen seien. Doch je mehr ich sie persönlich kennen lernte, desto mehr erlebte ich eine ganz andere Art von Christen. Sie waren nicht wie unsere katholischen Rebellen Lieblinge der Medien und lagen nicht windschnittig im Trend.

Es waren vielmehr tapfere, fromme und vitale Leute, die ihren Glauben auch im Gegenwind mit Begeisterung lebten. Während ich mich als Katholik getragen weiß von einer weltweiten Gemeinschaft und einer 2.000-jährigen Heilsgeschichte, erlebe ich meine evangelikalen Freunde oft ganz allein getragen von der Bibel. Sie ist ihnen auf beeindruckende Weise präsent, und sie leben in ihr wie in einer wahren Heimat.

Was ich mir wünsche

Liebe Evangelikale: Bitte lehrt uns diese Beheimatung in der Heiligen Schrift, nach der auch wir Katholiken uns sehnen! Bitte lehrt uns die Tapferkeit, mit der Ihr Euren Glauben öffentlich bekennt! Bitte lehrt uns Eure begeisternden kraftvollen Kirchengesänge, die mit schnellen Schritten unserer alten Kirche voraneilen! Und bitte lehrt uns vor allem, unsere Meinung von anderen Christen zu ändern, ohne uns dabei selbst zu verlieren!

Er hat nur eine einzige Aufgabe

Wenn ich erlebe, wie respektvoll evangelikale Freunde heute vom Papst reden, dann spüre ich, dass sich wohl keine christliche Gruppierung in der Ökumene so radikal von alten Vorurteilen befreit hat wie die Evangelikalen. Gerade nach Auffassung des jetzigen Papstes darf sich das Papstamt niemals zwischen uns und Christus schieben. Was trennt uns denn dann eigentlich noch?

Papst Benedikt XVI. lebt eine Ökumene der päpstlichen Zurückhaltung, ja: Er sieht sein Amt wie den ausgestreckten Finger Johannes des Täufers auf dem 1515 vollendeten Isenheimer Altar Matthias Grünewalds, der nur eine einzige Aufgabe hat: demütig auf Jesus Christus zu deuten.

(Der Autor, Dr. Manfred Lütz (Köln), ist Chefarzt eines psychiatrischen Krankenhauses, Theologe und Mitglied des Päpstlichen Rates für die Laien. Sein Buch „Gott – Eine kleine Geschichte des Größten” war ein Bestseller. Zuletzt erschien „Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde“.)

Foto: kathtube


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