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Es lebe das neue Kirchenjahr!

28. November 2015 in Kommentar, keine Lesermeinung
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Zum Beginn des neuen Kirchenjahres am 1. Advent (29. November). idea-Kommentar von Michael Stollwerk


Wetzlar (kath.net/idea) Der Sonntag nach den blutigen Anschlägen in Paris war der vorletzte im Kirchenjahr. Wie ein biblischer Kommentar liest sich da der von der evangelischen Kirche vorgesehene Predigttext vom Weltgericht in Matthäus 25,31–46. Wer sich als Verkündiger auf diese herben Worte Jesu einließ, musste nicht bei einem allgemeinen Lamento über Terror und Gewalt stehen bleiben, wie mancher kirchlicher Verantwortungsträger.

Wenn es nur noch um Lieblingsgedanken geht

Leider ist allerdings selbst in lutherisch geprägten Kirchen die Orientierung am Kirchenjahr auf dem Rückzug. Was zur Folge hat, dass viele Gemeindeglieder zwar die bekanntesten biblischen Texte sowie die Lieblingsgedanken ihres Pfarrers rückwärts wie vorwärts herunterbeten können, ansonsten aber an geistlichem Vitaminmangel leiden. Insofern bin ich als überwiegend im säkularen Bereich tätiger Theologe froh, das Kirchenjahr als Nahrungsergänzungsmittel für das eigene Glaubensleben entdeckt zu haben. Drei Gründe dafür seien kurz genannt.


1. Das Kirchenjahr setzt einen Kontrapunkt

Leben vollzieht sich in kreativen Spannungen (Prediger 3). Das ist von Gott so gewollt und gut so. Von diesen schöpferischen Ordnungen weiß unsere postmoderne Gesellschaft allerdings wenig. Sie löst sie auf: Weihnachtsgebäck im September, freikirchliche Wellnessfreizeit in der Karwoche. Das Kirchenjahr setzt diesbezüglich einen heilsamen Kontrapunkt. Es macht geprägte Zeiten kostbar, indem es z.B. an Weihnachten und Ostern dem Glanz der Feste Zeiten des Verzichts und der Einkehr vorausschickt.

2. Das Kirchenjahr diszipliniert

Wer sich als Verkündiger oder Bibelleser an den Lesungen des Kirchenjahres orientiert, stößt früher oder später unweigerlich auf sperrige Aussagen der Bibel. So war ich unlängst gezwungen, mich mit den schlichten Aussagen Jesu zur Ehe und Ehescheidung neu auseinanderzusetzen. Das Ergebnis passte mir gar nicht in den Kram. Aber das ist ja wohl auch nicht das Kriterium! Schließlich soll ER das Sagen haben.

3. Das Kirchenjahr bereichert

Was mich alle Jahre wieder an Weihnachten frustriert: Unmittelbar nach Heiligabend scheint alles vorbei zu sein! Die Weihnachtsmärkte werden abgebaut und kurze Zeit später säumen „nackte“ Tannenbäume den Straßenrand. Dabei ist der Heiligabend eigentlich nur ein Auftakt! Im Kirchenjahr schließt sich daran ein ganzer Weihnachtsfestkreis an, der wirklich alle Facetten der Geburt des Gottessohnes durchbuchstabiert. Warum lassen wir Evangelischen uns den entgehen?

Was man von Katholiken lernen kann

In Wetzlar haben wir es allerdings etwas besser. Denn da haben wir einen ökumenisch genutzten Dom. Und das ist gut so! Warum? Weil die Katholiken sich weigern, vor Maria Lichtmess (2. Februar) Krippe und Weihnachtsbaum in der Kirche abzubauen – und uns Evangelischen den Segen des Kirchenjahres so neu nahebringen.

Der Autor, Michael Stollwerk (53), war bis 2006 evangelischer Pfarrer am Dom zu Wetzlar und ist seitdem freiberuflich als Gemeinde- und Unternehmensberater tätig. Er lebt mit seiner Tochter in einem christlichen Mehrgenerationenprojekt in Wetzlar.


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