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"Wir brauchen keine Intrigen gegen kirchliche Urgesteine"

11. Februar 2022 in Kommentar, 11 Lesermeinungen
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"Der demütige und hoffnungsvolle Blick eines fast 95-Jährigen auf die Begegnung mit dem Herrn im neuen Leben zeugt von einer tiefen Frömmigkeit, einem großen Gottvertrauen und einer Innerlichkeit" - BeneDicta am Freitag von Dorothea Schmidt


Regensburg (kath.net)

Die Worte nieselten wie ein sanfter Sommerregen auf die ganze Erde hernieder: wohltuend-freundlich, bewegend, unaufgeregt und aufklärend. Und doch für viele Anlass zu Empörung, Enttäuschung und Kritik. Papst em. Benedikt XVI. veröffentlichte seine Stellungnahme zu den Vorwürfen in Zusammenhang mit dem Münchener Missbrauchsgutachten.

Es ist ein Glaubensbekenntnis, das einem Herzen entspringt, dessen Blick schon auf das Leben nach dem Tod gerichtet ist: auf den Richter und barmherzigen Vater im Himmel. Und es wird begleitet von einem Fakten-Check, wo alle Karten offengelegt, Ross und Reiter genannt werden: die juristischen Berater, denen ein Versehen unterlaufen ist.

Aber das Gros der Menschen hatte schon vor Veröffentlichung dieser Stellungnahme ein (moralisches) Urteil gefällt, zusammengebastelt aus Vorurteilen und Ressentiments, denn Beweise fehlten.

Das rechtsstaatliche Prinzip „Audiatur et altera pars“ – es besagt, dass sich erst die Gegenseite zum Sachverhalt äußern darf, bevor ein Urteil gefällt wird - schien auf stand by gestellt worden zu sein. Nur wenige Minuten nach der Gutachtenvorstellung stand das Urteil felsenfest: Lügner.

Und was tut Benedikt? Er tut, was er immer getan hat: Ruhig und ehrlich, deutlich und transparent,  gewissenhaft und mitfühlend meldet er sich zu Wort und lässt seinen Brief gleich in mehrere Sprachen übersetzen, was von Gründlichkeit und Aufklärungswillen zeugt. Hier kann man nicht von kirchenpolitischem Kalkül sprechen. Sondern von einer von Liebe und Empathie zutiefst durchdrungenen Person.


So sind denn auch die Missbrauchstäter seine wichtigsten Adressaten.  So ist es immer gewesen. Er war der erste Papst, der Missbrauchsopfer aufgesucht hat. Mit ihnen zu sprechen, ihnen zuzuhören, mit ihnen mitzufühlen – das war wesentlicher Bestandteil seiner Pastoralreisen. „Wie bei diesen Begegnungen“ brachte er auch in seinem persönlichen Brief noch einmal seine „tiefe Scham“, seinen „großen Schmerz“ und seine „aufrichtige Bitte um Entschuldigung gegenüber allen Opfern sexuellen Mißbrauchs zum Ausdruck“.

Dass sein Mitleid von manchen negativ und als Plattitüde aufgefasst werden würde, war zu erwarten. Aber es gibt viele durch das Gutachten Verunsicherte, die jetzt verstehen und ihm glauben, wenn er sagt, dass es ein Fehler gewesen sei, zu schreiben, er habe an der Ordinariatssitzung vom 15. Januar 1980 nicht teilgenommen. Dieser „Fehler, der bedauerlicherweise“ nach einem Marathon von 8000 Seiten Aktensichten, nicht beabsichtigt geschehen ist, sei, so hoffe er, entschuldbar.

Es bleibt festzuhalten: Niemand vor und nach Ratzinger hat so scharfe und so strenge Regeln erlassen, so hart durchgegriffen wie er, mit solcher Klarheit, Transparenz und Unnachgiebigkeit. Er war es, der bei den Legionären Christi aufgeräumt hat. Er war es, der sich gegen zahlreiche Widerstände als Glaubenspräfekt für eine Verschärfung des kirchlichen Strafrechts eingesetzt und alles getan hat, damit Priester, die des Missbrauchs schuldig geworden sind, suspendiert werden können. Er selbst hat 555 Mitbrüder suspendiert. Er hat 2012 dafür gesorgt, dass an der Päpstlichen Universität Gregoriana das Zentrum für Kinderschutz (CCP) gegründet wird. Er hat Geistliche dazu angehalten, die Wahrheit zu sagen und streng gegen sexuelle Delikte vorzugehen, so dass andere sich nur so die Augen rieben und in heftigen Debatten verloren, wie Live-Beobachter Manfred Lütz kürzlich berichtet hat. Kurz: Benedikt XVI. verfolgte schon als Kardinal eine Null-Toleranz-Politik gegenüber kirchlichen Missbrauchstätern.

Dass dies nicht einmal in den eigenen Reihen, in der katholischen Kirche gesehen wird, mag darauf zurückzuführen sein, dass viele entweder zu wenig über ihn wissen, oder aber Ressentiments hegen oder seine Theologie sich nicht in das Bild einer neuen Kirche einfügt, wie sie auf dem Synodalen Weg angestrebt wird.


Benedikt XVI. wurde im eigenen Land noch nie gern gesehen, er wurde als Prophet im eigenen Land nicht anerkannt (vgl. Lk 4, 24). Weil er den Menschen ins Gewissen redete, indem er auf den Ursprung unserer Hoffnung hinwies und die Glaubenserosion vorhersah? Die ist nun da. Und wie der Synodale Weg offenbart, macht sich immer mehr eine Art von humanistischer Religion breit. Damit diese menschengemachte Religion Erfolg hat, muss alles andere aus dem Weg geräumt werden. Dsazu gehört offenbar auch Papst Benedikt und seine Theologie. Und mit ihm müssen Heilige, alte Meister, Kirchenväter und natürlich die kirchliche Lehre vom Sockel gestoßen werden.

Aber unsere Welt braucht keine Intrigen gegen kirchliche Urgesteine, sie braucht Liebe. Missbrauchsopfer brauchen Liebe, Täter brauchen Liebe. Wir alle brauchen Liebe. Und darum brauchen wir Gott, darum brauchen wir eine neue Beziehung zu ihm. Er allein kann heilen und uns den rechten Weg weisen. Der Humanismus allein ist eine Krücke, wenn nicht eine Sackgasse. Eine Farce von Religion.

Dass Menschen irren und Fehler machen, hat Benedikt XVI. in seinem Schreiben demütig bekannt. Ohne selbst die Fehler begangen zu haben, die man ihm unterstellt, zeigt er, dass Scheitern zu Leben gehört, es aber jemanden gibt, der uns immer wieder auffängt und ermutigt, neu anzufangen. Der demütige und hoffnungsvolle Blick eines fast 95-Jährigen auf die Begegnung mit dem Herrn im neuen Leben zeugt von einer tiefen Frömmigkeit, einem großen Gottvertrauen und einer Innerlichkeit, die unserer Welt heute so sehr fehlt. Wir können das Lebenswerk Ratzingers und Benedikts XVI. nicht einfach wegwerfen. Wir brauchen es.


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