11 November 2019, 13:00
Über drei Gebirge
 
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Hindernisse beim Kennenlernen der Messe in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus. Dann: jenseits der Hindernisse – Schönheit und Tiefe des über Jahrzehnte vorenthaltenen Schatzes, die ergreifen und nicht mehr loslassen. Von Michael Berger*

Rund um den Bodensee (kath.net/mb) Seit einigen Jahren schießen sie überall auf der Welt wie die Champignons aus dem Boden – Kirchen und Messorte mit wachsenden Gemeinschaften, in welchen man die traditionelle lateinische Messe im sogenannten alten Ritus erleben und mitfeiern kann. An immer mehr Orten strömen Gläubige, und auffällig viele und junge Familien mit zahlreichen Kindern, in diese Gemeinden. Die beiden Länder mit dem größten Zuwachs sind die Vereinigten Staaten von Amerika und Frankreich. Was hat es nun mit dieser Form der Liturgie auf sich, dass sie wachsende Zahlen an Menschen anzieht?

Seit dem Motu Proprio „Summorum Pontificum“ (2007) ist es Priestern erlaubt, die heilige Messe in beiden Formen zu feiern, der ordentlichen Form, also der „normalen“, auch volkssprachlichen Messe, und der außerordentlichen Form, das heißt die traditionelle lateinische Messe, die bis zur Liturgiereform des heiligen Papstes Paul VI. im Jahr 1969 der einzig allgemein gebräuchliche römische Ritus war. Damit jedoch ein Katholik im deutschsprachigen Raum eine „traditionelle“ lateinische Messe (TLM) besuchen kann, muss er drei beinahe unüberwindliche Gebirge bewältigen.

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Es sind dies die Gebirge:
der Vorurteile,
der Verfügbarkeit und schließlich
der Fremdheit.

Das größte dieser Gebirge ist sicher das der Vorurteile. Was denken die meisten von uns über Besucher von traditionellen lateinischen Messen, ja was habe ich selber bis vor zwei Jahren über diese Leute und „ihren“ Ritus gedacht? Das ist ein Haufen von zumeist alten Sonderlingen, die sich an etwas aus der Vergangenheit festklammern, weil sie die Gegenwart nicht ertragen können. Das sind Menschen, die völlig vernarrt in lateinische Gesänge sind oder sich an Weihrauch und überladenen Messgewändern erfreuen. Ich erinnere mich lebhaft an meine eigenen irritierten Gefühle, als ich im Verlauf der letzten zwanzig Jahre zweimal ohne große Vorwarnung in traditionelle Messen geschleppt wurde. Was wollen die überhaupt mit ihren 25 Kniebeugen bei jeder Messe und, das Allerschlimmste, einige der Frauen tragen dort den Schleier, die Mantilla, als ob die Errungenschaften der Moderne in diesen Kirchen noch nicht angekommen wären? Und warum dreht der Priester den Menschen den Rücken zu, und warum ist alles auf Latein?

Das sind, wie gesagt, alles Sonderlinge. Die da sind gegen das II. Vatikanische Konzil, Gegner von Papst Franziskus sind sie angeblich auch, also bleibt mir vom Leib damit.

Ich möchte jetzt nicht auf jeden einzelnen Punkt eingehen, es genügt zu sagen, dass ich persönlich gregorianische Gesänge langweilig finde, und ich bemerke überhaupt nicht, was für Gewänder die Priester tragen oder wie viel Weihrauch gegen die Kirchendecke steigt. Ich kann nur sagen, dass die Gründe, warum man in eine TLM geht, völlig andere sind.

Was den Altersschnitt angeht: ich habe selten so viele junge Menschen, ja junge Männer, in einer Messe gesehen wie dort.

Das zweite Gebirge ist das der Verfügbarkeit. Wenn man im deutschsprachigen Raum anfängt, sich nach so einer Messe umzuschauen, stellt man fest, dass sie nur selten angeboten wird und wenn ja, dann meistens zu besonders unpassenden Zeiten und an abgelegenen Orten. Das liegt natürlich erstens daran, dass noch nicht sehr viele Gläubige zu diesem Zeitpunkt TLMs besuchen. Das liegt aber auch daran, dass die Kirchenstrukturen inklusive der Bischöfe durchaus mit Feindseligkeit auf diese alte Liturgie reagieren und versuchen, es ihren Anhängern möglichst schwer zu machen. Diese Feindseligkeit ist schwer nachzuvollziehen, weil eine starke und bunt-vielfältige Kirche von heute ja ein paar Sonderlinge in einer kleinen Kirche durchaus aushalten können müsste. Wenn es möglich ist, eigene Liturgien für LGBTQ-gläubige zu feiern, dann sollte man meinen, dass man diesen bedauernswerten traditionalistischen Gestalten mit einem „lasst sie doch, die Armen“ begegnen könnte. Aber nein, rund um die TLM legt sich ein Nebel aus irrationalen Aggressionen.

Und hat jemand dann die Vorteile für eine Weile hinter sich gelassen und sogar einen Ort gefunden, an dem er dieser Messe begegnen kann, dann taucht plötzlich das unerwartete dritte Gebirge auf: das der Fremdheit.

Ja, natürlich erkennt man als Katholik die außerordentliche Form des Ritus in ihren Grundzügen wieder, aber vieles ist ungewohnt. Seit unserer Jugend sind wir eben die Messe im ordentlichen Ritus gewohnt, die wir der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil verdanken, und diese Liturgie hat bei uns gewisse Sensoren und Rezeptoren ausgebildet. Und viele der Knöpfe, welche wir aus der Liturgie gewohnt sind, werden von der TLM einfach nicht gedrückt. Und das irritiert. Für mich war es anfangs das Schwerste, dass ich nicht hören konnte, wo man genau war, und in den ersten Monaten fehlte mir sehr stark die Interaktion mit dem Priester, die ich aus der Messe im ordentlichen Ritus gewohnt war.

Es ist über lange Phasen still in der Kirche, der Priester tut vorne seine Dinge, und wenn man genau verstehen will, was gerade geschieht, hat man am allerbesten ein kleines Büchlein dabei, das einem das zweisprachig erklärt. Auch wird man beim Eintreffen bei einer solchen Messe nicht strahlend begrüßt und in Gespräche verwickelt, sondern die meisten Teilnehmer an der Messe sind bereits im stillen Gebet versunken, bis die Messe beginnt (und bleiben nach Ende der Messe oft sitzen oder knien und beten noch eine Weile). Eine sehr stille Angelegenheit.

Ich wiederhole, die Fremdheit dieser Abläufe ist am Anfang sehr groß. Man spürt das geradezu körperlich.

Mir ist es überhaupt nur gelungen, durchzuhalten, weil ich zwei Gedanken hatte. Erstens, das ist die Messe, in der alle großen Heiligen, die ich bewundere, gelebt haben und gestorben sind, von Gregor den Großen über Thomas von Aquin bis zum heiligen Franziskus und zu Therese von Lisieux. Für all sie war sie das Zentrum ihres Lebens, so verkehrt und schlecht kann das eigentlich gar nicht sein. Zweitens, mir fiel von Anfang an die große Ehrfurcht auf, die der Wandlung entgegengebracht wurde. Alles scheint in Stille innezuhalten, wenn das große Wunder auf dem Altar passiert. Eine Liturgie, die so etwas tut, kann für meine Begriffe gar nicht daneben sein.

Wann immer ich in der Eingewöhnungsphase etwas nicht verstand, wurde mir von etwas erfahrenen Messgehern bedeutet, ich solle einfach über mehrere Wochen immer wieder gehen. Dann würde ich schon verstehen. Und das ist eigentlich der beste Tipp, wenn man sich in diese Form der Liturgie hineindenken will. Langsame Gewöhnung von Seele und Körper an diese neue (alte) Form der Liturgie. Wichtig dabei: im Idealfall sollte man sich jemanden finden, der die außerordentliche Form der Messe kennt und einen liebevoll und geduldig mit kleinen Hinweisen hinein begleitet. Man muss eben das Gebirge der Fremdheit auf die bestmögliche Weise überklettern, und das braucht Zeit.
Anmerkung zum Schluss. Ich besuche mit Freuden beide Formen, die außerordentliche und die ordentliche, die uns alle beide von unsere Mutter Kirche geschenkt worden sind. Weder führt der Besuch der außerordentlichen Form der Alten Messe zu einer völligen Abkapselung, noch zu Feindseligkeit gegen die Liturgie, wie sie in den 60er Jahren entstanden ist. Was schon stimmt, ist, dass es einem wichtiger wird, ob der Priester die Liturgie mit Würde und Sammlung feiert. Aber das sollte ja sowieso immer der Fall sein.

Was allerdings für mich ab dem Besuch der TLM relativ sofort Folgen hatte, war, dass ich öfters zur Messe zu gehen begann, öfters die Sakramente empfange und mich mehr mit meinem Glauben auseinandersetze als vorher. Das war ein fast automatischer Effekt dieser neuen liturgischen Erfahrung. Ich habe angefangen, den Schatz neu zu entdecken, der mir, so muss ich es leider sagen, über Jahrzehnte vorenthalten worden ist.

Also: die katholische Messe in ihrer außerordentlichen Form, der traditionelle lateinische Ritus gehört nicht der Vergangenheit an, sondern ist vielerorts und in wachsendem Maße die Zukunft. Ich habe immer gelernt, dass kat-holos allumfassend bedeutet. Wenn uns unsere Kirche in ihrer Großzügigkeit beide Formen der Messe anbietet, dann sollten wir die „drei Gebirge“ schwungvoll übersteigen und mal ausprobieren, wie das ist: mit beiden Flügeln der katholischen Lunge zu atmen.

* Michael Berger ist ein Pseudonym, da der Autor im Umfeld der katholischen Kirche arbeitet.

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